Jahrgang 
1864
Seite
11
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Fiſcherſtechen in Leipzig.

es ſtimmte ſo ziemlich mit dem in Gotha Verhafteten ein, nur ein Kennzeichen ließ ſich nicht auffinden eirr Hiehnarbe am rechten Daumen.

Der vermeintlic Weißendorfſah nun wohl, daß auch dieſes Lügengewebe nicht länger aufrecht zu erhalten war. Er ließ alſo plötzlich ſeine Geſchichte fallen und erzählte mit derſelben Ruhe und Sicherheit, die er bei allen ſeinen Kundgebungen bewahrt, daß er eigentlich Theobald Eernſt heiße und der Sohn eines Geheimſekretärs in Berlin ſei. Nachdem er drei Viertel Jahr als Volontär bei der Garde⸗Artilleriebri⸗ gade geſtanden, habe er mit einem Paſſe zur Reiſe nach Philadelphia ſeine Reiſe nach Frankreich angetreten.

Die Angabe, unter der Artillerie gedient zu ha⸗ ben, gab dem Gericht einen neuen Faden an die Hand.

In den preußiſchen Staaten war ſchon ſeit lange ein küher Verbrecher bekannt und gefürchtet, deſſen Hauptthätigkeit ſich auf Wechſelfälſchungen richtete und der mit eben ſo viel Frechheit als Glück ſpekulirt hatte. Es war der Bombardier Nieme. Lange Jahre hatte er ſein Weſen getrieben, ohne dem Gericht in die Hände zu fallen; erſt im Jahre 1830 war es gelungen, in Berlin ſeiner habhaft zu werden. Sein Urtheil lau⸗ tete auf mehrjährige Feſtung in Küſtrin. Wie er aber während der ganzen Unterſuchung ſich als ein eben ſo ſchlaues als unerſchrockenes Subjekt gezeigt, ſo ließ ſich auch von ihm während ſeiner Strafzeit nicht viel Gutes erwarten. Nichtsdeſtoweniger beging man die Unvorſichtigkeit, ſeinen Transport nur zwei Beamten anzuvertrauen. Er wußte den Einen zu täuſchen und den Andern zu überwältigen, und entſprang.

Von da an hörte man nichts von ihm. Alle Be⸗ mühungen, ihn wieder zu erlangen, blieben erfolglos, und obgleich man ſchon früher hätte vermuthen können, daß der Baron Müller Minnigerode, der Handlungsdiener Weißendorf der längſt geſuchte Nieme ſei, ſo kam man doch in Berlin erſt da auf dieſe Vermuthung, als der in Gotha Verhaftete ſeiner Dienſtzeit als Kanonier erwähnte.

Triumphirend meldete man dieſe Vermuthung nach Gotha und ſiehe, beim Vorhalten ſchwieg der In⸗ kulpat, bis er auf weiteres Drängen ſich offen als den Geſuchten bekannte und nach Küſtrin abgeliefert zu wer⸗ den wünſchte, wenn man ihn nicht zwingen wolle, ſich das Leben zu nehmen. 2

Allein auch dieſen Wunſch zu erfüllen, trug man gerechtes Bedenken, und wie ſehr er auch bemüht war, es zu hintertreiben, ſeine Ausliefung an die Mainzer Gerichte wurde beſchloſſen; mochte man dort die Siſy⸗ phusarbeit aufnehmen und zu Ende führen.

So zog denn zum großen Jubel des Volkes und zur Unluſt der Mainzer Haute Volée der als Baron Minnigerode gefeierte Held als einfacher Bombar⸗ dier mit dem Ehrenzeichen der Handſchellen in der Feſtung ein.

(Schluß folgt.)

Erinnerungen. 88. Bd. 1864.

Fiſcherſtechen in Leipzig.

(Hiezu die Bilderbeilage.)

ie Chronik berichtet, der Kaufmann Andreas Fr. Apel habe in ſeinem, nach ihm benannten , Garten(etzt Reichels Garten) am 12. Mai B 1714 zur Feier des Geburtstages des Königs SG Friedrich Auguſt, welchen dieſer in Leipzig be⸗ ging, eine Regatta veranſtaltet, zu der er, um den König zu überraſchen eigens habe einige Gondo⸗ lieri aus Venedig als Lehrer kommen laſſen, und dies ſei das erſte Fiſcherſtechen in Leipzig geweſen. Der König war entzückt über dieſes treue Abbild einer Re⸗ gatta, wie er ſie früher ein Mal mit großem Vergnü⸗ gen in Venedig ſelbſt geſehen und bewundert hatte. Er bewilligte daher den Fiſchern das Recht, ihr Spiel alljährlich wiederholen zu dürfen. Sie thaten es, anfangs am 12. Mai, ſpäter am 24. Auguſt, bis es auf den gegenwärtig zum Feſte beſtimmten Tag ver⸗ legt wurde, und noch immer erhält die Fiſcherinnung aus den Staatskaſſen 27 Thaler als Beitrag zu den Koſten, angeblich, weil ein Leipziger Fiſcher einſt ein Mitglied der königlichen Familie gerettet haben ſoll. Da jedoch das Leipziger Fiſcherſtechen, wie es jetzt ausgeführt wird, in Nichts an eine venetianiſche Regatta erinnert, ſondern in Allem dem Ulmer Fiſcher⸗ ſtechen gleicht, auch lange Zeit am 24. Auguſt ſtattfand, wo die Mitglieder des Leipziger Rathskollegiums früher alljährlich aus ihrer Mitte den ſitzenden oder regierenden Rath erwählten, ſo liegt die Vermuthung nahe, daß es entweder ſchon vor 1714 beſtanden habe,

nach dem Muſter des Ulmer eingeführt worden und

wie dieſes mit der Magiſtratswahl verbunden geweſen ſei, aber erſt durch das Privilegium, welches der König ertheilte, wirkliche Bedeutung gewonnen habe, oder daß es ſpäter aus einer Wettfahrt nach venetianiſcher Weiſe in ein Stechen nach Ulmer Art verwandelt worden ſei. Dem ſei nun, wie ihm wolle, gewiß iſt es, daß ſich von allen Volksfeſten, die ſonſt in Leipzig üblich waren, nur das Fiſcherſtechen erhalten hat.

Der Auszug der Fiſcher geſchieht von der Frank⸗ furter Straße, vom Mühlgraben aus, wo ſie meiſt alle wohnen.

Im altmodiſchen weißen Piquéfrack, das graue Haupt unter einem mächtigen Dreimaſter, in Eskarpins, und Schuhen mit Schnallen eröffnen alte Herren den Zug, dem das Muſikchor und der Fahnenträger voran⸗ ſchreiten. Improviſirte Mohren mitblaugeſtreiften Jacken, weißen Pluderhoſen und rothen Schärpen, junge Männer in altitalieniſcher Schifferstracht und Knaben in Ma⸗ troſentracht folgen ihnen, Alle bunte, reichverzierte Ruder, oder lange Stangen mit vergoldeten Knöpfen tragend, und ein Bajazzo in roth⸗ und grüngewürfelter Kleidung ſchließt den Zug..

Sobald die große Trommel geht, ſtürzt Alles aus den verborgenſten Winkeln herbei, die Fenſter öffnen ſich, und ein zahlreicher Kinderſchwarm ſchließt ſich dem Feſtzuge an, der einige Stunden lang die Straßen der

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