Von unſerem wunderlichen Auftrag.
Drei Menſchen wanderten eine Straße entlang. Auf ihrem gemeinſamen Wege kamen ſie an einem blühenden Fliederſtrauch vorüber.„Schaut“,
ſprach der erſte von den drei Wanderern,„wie herrlich der Strauch blüht“! „Du haſt recht“, fuhr der zweite fort,„es iſt eine Luſt, dieſe vollen blauen Dolden leuchten zu ſehen“. Da ſchüttelte der dritte Wanderer den Kopf und ſprach:„Ihr irrt euch! Der Strauch blüht gar nicht; er iſt dürr und am Sterben. Und die welken Blüten an ſeinen Zweigen ſind nicht blau, ſondern rot“. Jetzt mußten ſeine beiden Begleiter lachen.„Zaſt du denn keine Augen, Menſch? Dürr und welk und rot nennſt du das?“ Und ſie machten ſich luſtig über ihn. Er aber blieb bei dem, das er ſah. Da gingen ſeine Begleiter er⸗ ſchrocken und verwirrt ganz nahe an den Strauch heran, zu ſehen, was es damit wäre. Sie blieben aber bei dem, das ſie ſahen, und ſchalten den Drit ten einen Dummkopf und Sonderling. Als er aber ſich nicht darum küm⸗ merte, vielmehr aufs neue den Strauch auf ſeine Weiſe beſchrieb und ihnen ſagte, daß ihre Augen blind ſeien, mit denen ſie„ſähen“, holten ſie, erboſt über ſeine widerwärtige Hartnäckigkeit, andere Leute, die des Weges kamen, heran und fragten dieſe:„Was haltet ihr von dieſem Strauch? Iſt er nicht lebendig und hat blaue Dolden?“ Und ſie waren ſich alle darin einig und ſpotteten über den, der vorgab, anders zu ſehen. Nur einige ließen es offen, man könne ſchließlich auch bei genauem Zuſehen etwas Rot an den Blüten erkennen, und ſo ganz friſch und lebendig ſei der Strauch an allen Aſten wohl auch nicht mehr; aber es ſei doch immerhin auch viel Gutes und Blaues an ihm zu ſehen. Aber der dritte Wanderer ließ ſich nicht darauf ein und wiederholte, was er ſah, und fügte hinzu:„Keiner von euch ſpricht dasſelbe wie ich, auch nicht einer. Da iſt nicht etwas Rot und nicht etwas Dürre, die ihr erkennen wollt; wo ſeht ihr das denn? Es iſt alles Rot und alles Dürre.“
Darauf widerſprach ihm die ganze Menge, auch die, die ſich zuvor ein— gebildet hatten, ihn„in etwa“ zu verſtehen, und ſie waren ſich einig, daß er ein unbrauchbarer Menſch in ihrer Mitte ſei. Als ihn aber einige frag ten, wie er denn zu ſolchen wunderlichen Augen komme, die keiner von ihnen habe, erzählte er ihnen von einer fremden Wundermacht, die ihm die rechten Augen gegeben habe und noch heute gebe, nachdem er zuvor genau wie ſie „geſehen“ habe. Und er rühmte jenen Tag und jene Kraft und wiederholte alles, was er über den Strauch geſagt hatte.
Da ließen ſeine beiden Begleiter ihn ſtehen, beſchimpften ihn und gingen ihren Weg allein weiter. Die Menge aber wurde zornig über ſeine Beharr— lichkeit, die ſie nicht verſtehen konnte und die ihr nichts nütze war; und ſie ſtießen und traten und höhnten ihn.


