27r. 2
* DER EINBLICK+
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CHR.KAISER VERLAG MUNCHEN
1934
Wer seine Gemeindeglieder lieb hat, warnt die Trauernden vor falschen Tröstungen, welche nur die Seele aufhalten. Er wird als selbst. verständlich voraussetzen, was wir Menschen uns so gerne verbergen, daß es nämlich keinen Trost gibt. Er nimmt die Leidtragenden als solche Menschen, wie sie es wirklich sind. Hat Gott sie nicht selbst durch sein Evangelium getröstet, so sind sie ohne Trost. Sie mögen gefaßt sein. Sie mögen mit Würde sich ins Unvermeidliche schicken. Aber Trost haben sie nicht. Sie fragen ,, Warum?", wie auch der Heiland am Kreuze Warum?" fragte, aber sie bekommen ebenso wenig eine Antwort, wie der Heiland sie bekam.
Demgegenüber haben wir ein Dreifaches in die Waagschale zu werfen: Die Bereitwilligkeit Gottes, wunderbar trösten zu wollen, den Hinweis auf die wahre überwindung des Todes in Christo und die Ermahnung an die Gemeine, fürbittend der Leidtragenden zu gedenken.
Unsere Leichenrede verzichtet also grundsätzlich darauf, selbst den wahren Trost spenden zu können. Geschieht das doch, dann geschieht eben eines der göttlichen, evangelischen Wunder, in welchen Gott das Menschenwort benutzt, um sich selbst ganz hineinzugießen und so das Menschenwort zu Gotteswort zu machen. Wir dürfen darauf hoffen und darum beten, aber wir dürfen nicht unser Wort ein für allemal für eine wirkliche Tröstung ausgeben.
Aber wir dürfen und sollen darauf hinweisen, daß Gott in der Trost. losigkeit des Verlierens trösten könnte und auch trösten will, wie einen seine Mutter tröstet. Brahms hat ganz recht, wenn er diesen Bibelspruch in sein Requiem aufgenommen hat. Denn die Kirche hat Recht und Pflicht, auf diese göttliche Möglichkeit hinzuweisen. Nur sollen wir uns davor hüten, den Eindruck zu erwecken, als sei Gottes Tröstung und unser Wort ein für allemal und unauflöslich dasselbe. Damit wür. den wir dem Heiligen Geiste den Weg verbauen und uns selbst zwischen Gott und den Menschen stellen. Der Todesfall ist eine der aufdringlichsten göttlichen Berufungen zum Heile in Christo. Sehen wir uns also vor, daß wir diese Berufung nicht durch unser wohlgemeintes Dazwi schentreten zunichte machen!
Das Zweite ist die einfache Bezeugung des Sieges über den Tod durch den Sohn Gottes . Ich habe Pastoren gegen diese Predigt an den Gräbern geltend machen hören, daß die Angehörigen diesen Trost weder verständen noch hören wollten. Mir scheint das weder ganz richtig zu sein, noch auch, wenn es richtig wäre, ausschlaggebend. Christus ist nicht in eine Welt gekommen, die ihn hören wollte oder ihn verstehen konnte. Das gerade ist die Kraft des Wortes Gottes, daß es nicht nur die Erlösung denen bringt, welche bereit sind, sie zu nehmen, sondern daß es auch die Aufnahmeorgane schafft, durch welche allein ein Mensch befähigt wird, die Erlösung zu empfangen.
Ein besonderes Moment in der christlichen Leichenrede ist die Be. zeugung, das ewige Reich sei im Einbruch, besonders da, wo der Tod seinen Raub nimmt. Wenn die alten Christen sich an den Begräbnis. stätten versammelten, so hatte das einen doppelten Sinn: Sie wußten, daß sie Todgeweihte waren, Menschen, welche mehr zu den Verwesenden in den Gräbern als zu den Raffenden und Schaffenden des„ Lebens" ge. hören. Aber sie wußten das, weil ihnen dem Geiste nach der Tod nicht schrecklich war. Vielmehr bedeutete er ihnen die Nähe des kommenden Herrn. Bezeugt doch jeder Tod, daß diese Welt ein Ende nimmt. Sie hatten billig Ursache, sich dessen zu freuen. Wohl auch wegen des Zustandes der Welt, vielmehr aber mußten sie das Ende der Welt herbei. sehnen um bei Christo zu sein.
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Das alles wissen wir von den ersten Christen. Ist es nicht ein Gericht, daß wir es von den jetzt lebenden Christen nicht mehr wissen?! Der Tod sagt es uns nicht mehr vielleicht sagt er es uns noch, nur hören wir es nicht mehr, daß die Stunden vorrücken und daß mit jedem neuen Augenblick das Heil uns näher ist, denn da wir gläubig wurden. Leichenreden aus frühen Jahrhunderten zeigen in erstaunlicher Weise, wie sehr das„ Trost" moment in ihnen zurücktritt. Anstatt dessen steht die Wirklichkeit des hereinbrechenden Reiches im Vordergrund. Es könnte so scheinen, als ob der Tod gar nicht wichtig genommen wird. Wollte man das einfach nachmachen, dann würde man unnatürlich werden. Wird es uns aber geschenkt, dann ist es echt. Es wird uns aber geschenkt, wenn wir wissen und es uns sagen lassen, daß wir Fremdlinge sind, und daß der Herr kommt.
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Ich würde den Menschen einen getrösteten Menschen nennen, der angesichts des Todes, welcher ihm einen seiner Wächsten geraubt hat, von einem vollen Ersatz wüßte, der ihn in der Trauer enthielte. Dieser Ersatz kann aber niemand sein außer dem wahren und lebendigen Gott, welcher durch seine wirkliche Gegenwart das unruhige Herz stillen kann. So bleibt wohl die Trauer. Aber sie ist eine Trauer auf Hoffnung. Und es bleibt der Verlust. Aber die Verheißung, die im ersten Gebote beschlossen liegt, wäre Erfüllung geworden. Soll ich Gott über alle Dinge und Personen lieben, so muß er auch über alle Dinge und Personen wert sein. Gerade das würde ich erfahren im Glauben, wenn Gott mich tröstete.
Darum wird durch den geistlichen Trost das menschliche Herz gewendet werden. Ohne den Trost vermag es nichts anderes im Tode zu sehen als Verlust. Aber als getröstetes Herz sieht es in dem Verlust den Gewinn, den niemand, auch der Tod nicht, mir nehmen kann. Darum wird im geistlichen Troste die berechtigte Trauer Lügen gestraft, so wie in der geistlichen Buße die berechtigte Trauer über die Sünde in Freude über das Heil verkehrt wird.


