Teil eines Werkes 
Band 2, Zweiter Theil (1886)
Entstehung
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rente kann die Landwirthſchaft gewiß keine hohen Zinſen bezahlen. Den Beſtrebungen, den Landwirthen nach Möglichkeit billiges Geld zu verſchaffen, iſt deßhalb der beſte Erfolg zu wünſchen. Leider aber dürfte einer allgemeinen, ausgebreiteten und ſegens⸗ reichen Wirkſamkeit einer von Staatswegen zu gründenden Anſtalt dieſer Art, der Umſtand ſehr hinderlich ſein, daß es wohl ſchwerlich möglich ſein wird, den Credit⸗ ſuchenden in discreter Weiſe Darlehen zu gewähren. Welch ſchwerwiegende Bedeutung aber dieſer Umſtand hat, iſt unter Frage VI bereits ausgeführt worden. Auch ſo⸗ lange die Landwirthe, wie dies namentlich bei den kleineren und mittleren Bauern der Fall iſt, nicht kaufmänniſch rechnen und genan Buch führen, wird das Credit⸗ nehmen für ſie ſtets eine ſehr precäre Sache ſein, da den Wechſelfällen des land⸗ wirthſchaftlichen Betriebes, Mißernten ꝛc. und der geringen Bodenrente, ſtets eine conſtante Verzinſung ihrer Schulden gegenüberſteht, welche wie ein Damoklesſchwert über ihrem Haupte ſchwebt. Jeder Anreiz dazu und jede Erleichterung des Credit⸗ nehmens hat daher nach dieſer Richtung hin auch wieder ihre Bedenken. Ein ge⸗ fährliches Experiment, das viele mittlere und kleine Landwirthe machen und daran zu Grunde gehen und das in der übertriebenen Sucht nach Vergrößerung ihres Areals wurzelt, iſt der Zukauf von Grundſtücken zu hohen Preiſen, wozu ſie ſich dann die Mittel durch Aufnahme einer Schuld verſchaffen. Solche Leute ſteigern oder kaufen oft zu unſinnigen Preiſen Grundſtücke an, zu deren Bezahlung reſp. Verzinſung ſie dann das Doppelte und Dreifache der Bodenrente aufbringen müſſen. Daß ſich bei ſolchen Rechenmeiſtern nachher erſchreckende Deficits ergeben, iſt leicht vorauszuſehen. Viel zweckentſprechender würde es erſcheinen, das Areal nicht auf Koſten des Be⸗ triebscapitals zu vergrößern, vielmehr intenſiver zu wirthſchaften und das erforder⸗ liche Betriebscapital aus eigenen Mitteln zu entnehmen. Mit anderen Worten: Beſſer etwas weniger Ackerfläche und dieſe ausgiebig bewirthſchaften, als mehr Aecker, aber Mangel an Betriebscapital und Schulden! Dies erſcheint insbeſondere für die mittleren und kleinen Beſitzer beherzigenswerth, während für größere Güter mit arrondirtem Beſitz und genauer Buchführung ein mäßiger Procentſatz Schulden weniger gewagt erſcheint, da hier ſofort die Grenze genau erkannt werden wird, bis zu welcher gegangen werden darf.

Trotz dieſer Bedenken, welche wir nicht verſchweigen zu dürfen glaubten, halten wir die Schaffung einer ſtaatlichen Einrichtung, durch die der Landwirthſchaft billiges Geld verſchafft werden könnte, für äußerſt nützlich und ſegensreich, für einen der mächtigſten Hebel, mit denen der Staat überhaupt eingreifen kann. Sowohl Denjenigen, welche nun einmal bis zu einem bedrohlichen Grade verſchuldet ſind, ſowie Den⸗ jenigen, welche durch die unvermeidlichen Wechſelfälle des landwirthſchaftlichen Be⸗ triebes unvermuthet in Geldverlegenheit gerathen, iſt dadurch ein Weg eröffnet, auf dem ſie ſich vor gewiſſenloſer Ausbeutung ſchützen können. Wäre es möglich, eine ſolche Anſtalt derartig zu organiſiren, daß ſie in der landwirthſchaftlichen Bevöl⸗ kerung, insbeſondere bei den Mittel⸗ und Kleinbauern ſich allgemein Eingang zu ver⸗ ſchaffen vermöchte, ſo wäre eine Art landwirthſchaftliche Exiſtenzverſicherung im beſt⸗ möglichen Sinne erreicht.