Wir ersuchen um Widerlegung dieses Gerüchtes, da wir nicht glauben können, daß ein hessischer Offizier die Verei— digung auf die Verfassung umgehen oder die Männer, welche jetzt unserm Fürsten zur Seite stehen, als eine Rotte Ver⸗ worfener bezeichnen werde.
Gießen hat auch eine kleine Polizeirevolution gehabt. Nach einer Versammlung im Leib'schen Hause wurde be— schlossen, eine Deputation mit dem Bürgermeister an der Spitze zu dem Kreisrathe zu schicken und die Entfernung des Polizeirathes Zulehner, sowie zweier Polizeidiener, Schirmer und Schweizer, zu verlangen. Letztere sind von dem Kreisrathe sogleich entlassen, über Ersteren nach Darmstadt berichtet worden.
Politische Uebersicht.
Das bedeutungsvollste Ereigniß, welches die letzten Tage gebracht haben, ist die Revolution in Wien. Die Regierung, die man noch vor zwei Tagen als den Angel— punkt der Reaction in Deutschland ansehen mußte; die das lombardische Königreich mit Truppen übersäte, weil sie der Treue ihrer deutschen Unterthanen versichert zu sein glaubte; die Truppen verrätherischer Weise nach Ulm schicken wollte, um der Bewegung in Süddeutschland einen Damm entgegen zu setzen; die in Prag das Ständehaus mit Truppen umgeben und geladene Kanonen dagegen auf— fahren ließ, um von der Unterzeichnung der liberalen Adresse der böhmischen Stände abzuhalten; die Metter⸗ nich'sche Regierung, um sie mit einem Worte zu nennen, ist gestürzt, der Fürst der Reaction hat Wien verlassen müssen! Die zahllosen Truppen, welche man in Wien zusammengezogen hatte, die auch in blindem Gehorsam gegen den Erzherzog Albrecht feuerten(man sagt wenig⸗ stens, daß dieser Sprosse des Kaiserhauses den Befehl zum Morden gab), diese Truppen konnten nicht den Sturm eines Volkes zügeln, das unter jahrelangem, schmählichem Drucke geseufzt hat. Die Zahl der Todten und Verwun— deten kann begreiflicher Weise Niemand genau angeben.
Wird die Bewegung sich bei den nichtssagenden Con⸗ cessionen aufhalten lassen, welche der Kaiser gewährt hat? Wir hoffen nicht! Metternich ist entlassen, Errichtung einer Bürgergarde, Bewaffnung der Studierenden gewährt; man spricht auch von Gewährung der Preßfreiheit, von Bildung eines neuen Cabinetes durch die Grafen Kolow— rat und Montecuculi. Wem könnte dies genügen? Oestreich muß in die Reihen der übrigen Nationen ein— treten, es muß alle Concessionen in vollem Maße sich erringen, welche das übrige Süddeutschland besitzt, der Kaiser muß in die Reihe der constitutionellen Fürsten ein⸗ treten. Die Wiener haben jetzt aus Erfahrung gelernt, auf welche Weise man in der jetzigen Zeit Forderungen stellt, um sie gewährt zu sehen; mögen sie das begonnene Werk auch zu Ende führen; möge Ungarn und Böhmen ihnen beistehen, sich mit ihnen vereinigen!
In Berlin hat mau an drei verschiedenen Abenden nacheinander, am 13., 14. und 15., auf das unbewehrte Volk einhauen lassen; jedesmal gab es Verwundete, man kennt bis jetzt sicher nur einen Todesfall; am 15. wurde auch auf das Volk gefeuert. Auf die nichtigste Veranlas— sung hin wurde von dem rohesten Uebermuthe Blut ver— gossen. Barrikaden in Berlin! kein Mensch hat daran gedacht, sie sind nur eine halboffizielle Lüge um die Un⸗ thaten zu beschönigen, mit welchen die preußische Regierung sich blutig befleckt hat. Der König von Preußen hat bis jetzt weiter Nichts zugesagt, als periodische Wiederkehr des vereinigten Landtags und Zusammenberufung desselben im nächsten Monat;— wegen der Preßfreiheit hat er eine ausweichende Antwort gegeben. Dabei hat er eine vor— treffliche Rede gehalten, worin er sagt, daß er nur ein freies Volk als freier Fürst beherrschen wolle und während er wehrloses Volk, das nirgends Widerstand leistet, nieder- säbeln und niederreiten läßt, schreibt die offizielle Preußische Zeitung, Preußen habe längst den Weg der Reform betre⸗ ten, werde auf ihm consequent fortschreiten und nur im Verein mit dem nun auch der Reform angeschlossenen Oestreich, sowie mit den übrigen Bundesgenossen mit um so glücklicherem Erfolge für die Umgestaltung Deutschlands zu einem kräftigen, von dem nationalen Bewußtsein getra⸗ genen Staate wirken können. O der Heuchelei!
Der König von Hannover hat eine Proklamation an seine Hannoveraner erlassen, die in einem schauerlichen Style verkündet, daß er stets(auch durch Aufhebung der Verfassung 2) für das Wohl seiner Unterthanen Alles Mög⸗ liche gethan habe, auch jetzt gerne seinen letzten Tropfen Blut dem Wohle seines Volkes opfern werde, daß er aber durchaus gar nichts gewähren werde, zumal da die Re⸗ formbestrebungen in dem Lande nur durch Fremde einge⸗ flößt seien, die Unordnungen und Verwirrungen anzuregen bemüht wären. Die von Göttingen geschickten Deputirten hat der König nicht angenommen; die Studenten haben Göttingen verlassen, die Professoren sollen ihre Entlassung fordern wollen.(Ist uns höchst unwahrscheinlich— um solcher Dinge willen, wie Preßfreiheit, Associationsrecht ꝛc. sollten die Göttinger Professoren ihre Entlassung fordern?)
Dem Marsche der östreichschen Truppen nach Ulm ist Einhalt gethan worden.
Der Fürsten- und Ministercongreß, der nach Dresden bestimmt war, soll jetzt mit dem Bundestage nach Potsdam eingeladen werden. Man wird ihn nach Petersburg oder nach Sibirien verlegen müssen, wenn man der Reform⸗ bewegung aus dem Wege gehen will.
Baden hat alle politischen Verbrecher aus den Zucht⸗ häusern entlassen. So viel wir wissen, sitzt Niemand mehr in Hessen; aber viele unserer Mitbürger sind ihrer politi⸗ schen Rechte beraubt, da sie nur von der Instanz absolvirt wurden und müssen noch jetzt an den Kosten des langwie⸗ rigen Prozesses bezahlen. Wir erwarten mit Zuversicht von unserem geliebten Fürsten und seiner Regierung, daß in den nächsten Tagen Alle durch politische Vergehungen Be


