Ausgabe 
6.1.1851
 
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238.

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Gedankenspaͤne, aber solche, aus denen man Häuser baut.

(Fortsetzung.)

Woher kommt es, daß unsere Schriftsteller das Inte ressante in merkwürdigen Fällen suthen, welche in der That unseren wirklichen Interessen ganz ferne stehn? Daß sie nach halbverrückten Figuren und bizarren Zusammen⸗ stellungen jagen oder durch ihre Helden einen philo sophi⸗ schen, socialen, polinischen Gedanken an den Mann bringen wollen? Daß sie im besten Falle das Volkstudiren ,? Einfach, weil unser Leben keine unmittelbaren Cha⸗ raktere entwickrlt oder entwickeln kann, weil wir stets Schulkinder bleiben, die alles gut oder schlecht lernen, die dies thun dürfen und das andere nicht thun dürfen, aber niemals ihren eignen Zweck verfolgen, nie sich selber geben dürfen, weil wir, mit einem Worte, Unterthanen sind. Man darf daher unsern Dichtern daraus keinen Vorwurf machen, daß sie keine wahren Charaktere, keine ernsten Interessen des Herzens, kein tiefes Pathos darzustellen wissen, sondern daraus, daß sie es versuchen; daß sie nicht lieber ein ehrlich Handwerk treiben, als altgekaufte Waare herauszuputzen und Tragödien zu schreiben, an denen man blos die Ueberschrift zu verändern braucht, um sie als gute Komödien passiren zu lassen. Bei uns sind nur zwei Arten von Poesie möglich: die Indignation und der Spott, d. b. die Oppositionspoesie. Der Ernst, der ge⸗ waltige Ernst des Selbstgefühls, der unbefangenen Ver⸗ wirklichung seines eigenen Innern, der ist Sklaven nicht gegeben. Wenn mir der Held des Stückes erklärt: mir sind Eichen ins Herz gewachsen,ich möchte Kas⸗ kaden saufen /, ich möchte die glühende Sonne verschlucken und sie über die Erde wieder ausspeien, so halte ich das nicht für Ernst. Es bedeutet weiter nichts, alsich möchte den Helden pielen.

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Und nun noch immer der hergebrachte Aberglaube, daß sich das ganze Glück um die Liebe drehen müsse. Es gibt ja in Deutschland gar keine Liebe. Wie können Personen, die keine Initiative des Charakters haben, sich lieben? Das ist ja unmöglich. Ich gebe zu, daß das deutsche Mädchen viel Talent zur Liebe hat, enorm viel Talent: aber nichts von der Gewalt des Müssens. Dazu hat sie schon viel zu sehr über die wahre Liebe philosophirt. Wenn sie aus der Schule kommt, so bringt sie schon ihre Theorie der wahren Liebe fertig mit, wie unsere Dichter ihre Theorie von der wahren Poesie.Unter Liebe, sagt sie zu ihrem Tänzer,verstehe ich etwas ganz Anderes, als man ge⸗ wöhnlich darunter verstehtDiese Louise, sagt sie von ihrer Freundin,ist der wahren Liebe nicht fähig.Julie, ruft sie aus,Julie liebt, wie nur ein Weib lieben kann/ Eben, weil ich Sie wahrhaft liebte, schreibt sie ihrem Verlobten ab,eben deswegen muß ich einem Manne

entsagen, der mich so tief, so gänzlich mißverstehen konnte., Das ist dann das Ende eines Verhältnisses welches weder aus sinnlicher Kraft, noch herzlicher Frische geknüpft war, weder Fisch noch Fleisch vorstellt und an der Schwäche binzusterben pflegt, aus der es geboren wurde. Wenn ein junger Mann und ein junges Mädchen dasselbe Buch ge lesen und sich über dieser Entdeckung geistreich gefunden und verstanden haben, so ist die Sache entschieden. Sie sind von jetzt an ganz Liebe und Wehmuth. Sind sie beide schon verheirathet, so ist das Verhältniß ganz dasselbe, weder sinnlich, noch herzlich, sondern literarisch. Sie kann nicht ohne tiefe Erregung von einem Freunde schei⸗ den, der ihr in so kurzer Zeit so theuer geworden ist; ein Albumvers, eine Blume oder sonst ein Pfand der Empfind⸗ samkeit müssen das schmachtende Herz trösten. Von dem, was man Untreue nennt, ist natürlich nicht die Rede. Man kennt ja die weltberühmte Keuschheit der deutschen Frauen, die besonders aus ihrem Mangel an Jungfräu⸗ lichkeit kommt. Denn, wo die Männer keinen Charakter haben, können die Frauen nicht jungfräulich sein. Sie stoßen sich nicht mit instinktmäßiger Kraft ab; sie ziehen sich nicht mit unbefangen er Innigkeit an; ste ergeben sich einem schlaffen Kitzel der Empfindung, dem es außeror⸗ dentlich wenig auf den Gegenstand ankommt. Wie ein deutscher Jungling und ein deutsches Mädchen das Talent zu Allem haben, so sind sie auch im Stande, in der Liebe jedes beliebige Thema zu lösen, jedes beliebige Subjekt, alt oder jung, schön oder häßlich, auf gegenseüligesVer⸗ stehen zu lieben, ja wirklich jedes beliebige Opfer zu bringen. Unter solchen Umständen ist ein Verhältniß mit einem prallen Dienstmädel das letzte Asyl für einen Men⸗ schen, der von seiner sütlichen Kraft retten will, was noch zu retten ist. In einem solchen Verhältniß ist wenigstens die sinnliche Spontanität gerettet.

Statt du ch Unmittelbarkeit des Gefühls, Herzensgüͤte und Grazie jene Macht auszuüben, welche ungleich den wahren Geist, den Charakter und die eigene höchste Ge⸗ nugthuung des Weibes ausmacht, ist der Geist der neuen Zeit als Räsonnement über sie gekommen. Die Weib⸗ lichkeit besteht, meiner Ansicht nach, in einer zarten Dis⸗ position des Gemüthes, welche der zarten Schönheit des Körpers entspricht, welche durch das Band der Ge fühle, die innigste Verbindung unter den Menschen her⸗ stellt, die eigentliche Blüthe der Humanität pflegt und den männlichen Verstand verhütet, sich in die todte, zeugungs⸗ unfähige Abstraktion aufzulösen, indem sie ihn mit dem Thau der Unmittelbarkeit befruchtet. Daher bleibt es wahr, daß die Liebe die Basis des weiblichen Lebens ist, wie Julia in ihrem göttlichen Briefe an Don Juan schreibt: Alles, was die Frau von dem intelligenten Leben des Mannes in sich aufnimmt, muß sie nicht an ihrem Verstande, sondern an ihrem Gefühl messen, um seine Wahrheit zu prüfen und nicht als Reflektion, sondern als eine Gemüthsangelegenheit mittheilen können, wenn es sie selbst und uns bereichern soll und sie nicht als spröder,