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Hessischer Zuschauer.
Nr. 16.
Die österreichischen Vorschläge der Zoll⸗ einigung. 5 I.* Die preußischen Pläne, sich die Herrschaft über Deutschland zu erringen, wurden bekanntlich zuerst in der Gründung des Zollvereins ihrer Ausführung näher gebracht. Metternich ließ diese Zolleinigung zu, offen⸗ bar deßhalb, weil er dieselbe in ihren Folgen nicht gehörig durchschaute, und weil er selber nicht Lust hatte, etwas Aehnliches auszuführen. Im Jahr 1848 und 49 sah Oesterreich das Gefährliche dieser Zoll⸗ einigung ein, als Preußen versuchte, die durch dieselbe vorbereitete Herrschaft anzutreten. Wir alle wissen, wie und durch welche Mittel Oesterreich diese Pläne vereitelt und Preußen in seine alte Stellung zurückge⸗ drängt hat. Nicht dämit zufrieden, gedeukt Fürst Schwarzenberg den Fehler Metternichs wieder gut zu machen, und Preußen zu zwingen, auch den ersten Schritt zur Herrschaft über Deutschland wieder zurück— zuthun, d. h. den Zollverein aufzulösen. Um diesen Punkt dreht sich gegenwärtig die gesammte Thätigkeit der deutschen Diplomaten. Preußen hat, wie nicht anders zu erwarten war, schon eingewilligt, und es steht den österreichischen Plänen kaum ein Hinderniß bevor. Die demokratische Presse hat alle Veranlassung, die Sachlage genau ins Auge zu fassen, und ihr Ur⸗ theil über dieselbe abzugeben, denn es handelt sich hier ebenso um die politische Herrschaft als um das ma⸗ terielle Wohl. N Oesterreichs Plan, wie wir gestehen müssen, nicht ohne Größe, geht dahin, ein mitteleuropäisches Reich zu gründen, das von der türkischen Grenze bis zur französischen, und von der Nordsee bis über die Alpen reicht. Die politische Form dieses Reiches soll der deutsche Bund sein, in welchen Oesterreich deßhalb mit seinen sämmtlichen Ländern eintreten will, und den es als Präfidialmacht beherrscht. Dieses ganze ungeheure Reich soll consequenter Weise ein einziges Handelsgebiet bilden, das auf das Prinzip der Schutz⸗ zölle basirt werden soll. Die Folge dieser Schöpfungen wird die Ausdehnung der Herrschaft der Kroaten, Panduren, Sereschaner, der öͤsterreichischen Preß- und Schulgesetze, und vor allem des österreichischen Papier⸗ geldes auf Deutschland sein. Herrliche, beglückende Aussichten! Um wie viel leichter wird es dann z. B. einem Schuldner, seine Schulden zu bezahlen; denn es ist bekanntlich in Oesterreich durch ein Gesetz ge— stattet, jede Schuld, die in irgend einer Münzsorte gemacht wurde, und deren Rückzahlung in einer be⸗
Gießen, Donnerstag den 23. Januar
1851.
stimmten Münzsorte in dem Schuldcontract ausbedun⸗ gen war, in Papier, welches um 30 PCt. niedriger steht, zurückzuzahlen. Jeder macht für seines Gleichen die günstigsten Gesetze: ein banqueroutter Staat also natürlich für Banqueroutte. Wir glauben kaum, daß dieses drohende Unheil noch von uns abzuwenden ist, denn die Staatsmänner der Reaction sehen in der Verwirklichung dieser Pläne das einzige Heil— für sich und ihre Herren, und auf das Volk, auf die Ge⸗ sammtheit kommt es bekanntlich jetzt nicht mehr an, diese fragt man nicht einmal. Preußen wird indessen diesem projectirten Handelsverein nicht beitreten, son⸗ dern mit dem jetzigen Steuerverein, nämlich mit Han⸗ nover und den Nordseestaaten einen neuen Zollverein auf Grund des Freihandels errichten— wenn es Oesterreich zuläßt. Die Anhäufung der österreichischen Truppen im Nordwesten von Deutschland, von der die Zeitungen jetzt zu berichten haben, deutet vielleicht darauf hin, daß Oesterreich jene Staaten zum Beitritt zu seinem Handelsverein zwingen will. Diese Ver⸗ muthung findet darin einen Anhalt, daß man öster⸗ reichischer Seits die Dresdener Conferenz auch für berechtigt zur definitiven Festsetzung der Zollfragen ausgibt. Und allerdings wäre Preußen, dessen Pa⸗ piergeld in Oesterreich dem Silber gleichsteht, und die andern Nordseestaaten, z. B. Hamburg und Bremen, gar keine übeln Acquisitionen, hauptsächlich auch für Unterbringung des Papiergeldes. Ein Verzweifelter ist zu Vielem fähig, und Oesterreichs Geldverhältnisse find verzweifelt, wie selbst der Lloyd täglich auseinan⸗ dersetzt; warum sollte nicht Oesterreich durch Truppen⸗ aufstellungen seinen Handelsvorschlägen Eingang zu verschaffen suchen? Wir sind keine großen Bewunderer des Zollvereins, der an einer jämmerlichen Halbheit leidet, aber diesen österreichischen Beglückungsaussichten gegenüber müssen wir doch entschieden dem preußischen Zollverein das Wort reden, das bald freilich nur ein Nachruf an dessen Grabe sein kann. Falls es Preußen gestattet wird, sich von dem österreichischen Handels⸗ verein auszuschließen, wird dasselbe entschiedener als bisher, sich dem Freihandel zuwenden, nicht eben aus Liebe zur Freiheit und zu vernünftigen staatsökonomi⸗ schen Theorien. Die preußischen Junker wollen viel⸗ mehr wohlfeileren Wein, Zucker und Kaffee, und— wollen das Aufkommen der Industrie verhindern. Man kennt den Haß des Junkerthums gegen die Industrie, diese mächtige Schöpfung der Neuzeit, weil jene mit Recht wittern, daß diese Industrie, so unvollkommen sie auch noch sein mag, einem neuen Prinzip entsprun⸗ gen ist, und daß mit dem Wohlstand auch die Bildung und die Freiheit in gleichem Maße zunehmen werden.
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