„. . 5 2 3
Der hiesige mexikanische Geschäftsträger hat unserer Re⸗ derung eine lange Denkschrift überreicht, worin er sich über die Vereinigten Staaten beschwert, welche seiner Ver⸗ sicherung nach, allen Grundsätzen des Völkerrechts zuwider, eine geheime Expedition gegen Mexiko ausrüsten. Eine ähnliche Denkschrift hat der mexikanische Geschäftsträger in London an Lord Palmerston übergeben.
Paris, 14. Nov. Die heutige Sitzung der Natio- nalversammlung war ohue Interesse. Die Gestern erfolgte Verwerfung der zweiten Lesung des Wahlgesetzentwurfes gilt nur für den Antrag der Regierung. Andere Anträge auf Abänderungen des Wahlgesetzes vom 31. Mai 1850 sind nicht ausgeschlossen.
London, 12. November. Die Gesellschaft der Frie⸗ densfreunde desavouirt heute Hrn. Cobden, ohne seinen Namen auszusprechen durch eine in allen Zeitungen ver⸗ öffentlichte, vom Präsidenten Sturge und dem Sekretär Richards unterzeichnete Ansprache an ihre Mitglieder, wo⸗ rin die absolute Nichtinterventionstheorie Allen noch ein⸗ mal eingeschärft wird. Die gewaltsame Erhebung eines noch so sehr geknechteten Volkes sei verdammungswerth, unchristlich und verderblich. Nur den moralischen Kampf billigt die Friedensgesellschaft, und selbst die Nothwehr hält sie für Sünde. Die Völker sollen ihre Kanonen mit Ideen laden, und stalt Schwerter in Blut, ihre Federn in Dinte tauchen. Wer den Sabel zieht, schneidet sich, und wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um. Auf Kos— suth, den Verführer zum Abfall von der Lehre, werfen die frommen Friedensfreunde einige sehr tad e. nde Se tien. licke
Verschie ones.
Der Artikel,„Die Frommen im Lande“, hat der⸗ maßen Anklang im Puplikum gefunden, daß wir uns genöthigt sehen, in Ermanglung der frühern Exemplaren, solchen nochmals unter das Verschie⸗
dene aufzunehmen: II. Act.
[Die Frommen im Lande.] Und siehe, da war noch so
ein Frommer im Lande Oberhessen, der war schlecht und ge⸗
rade recht und stark im Glauben,— so stark, daß ihm das heilige Abendmahl nicht schmeckte, wenn er es nicht empfing, als das wirkliche Fleisch und Blut seines Heilandes. Und der fromme Mann war verlobt in Christo mit einer frommen christlichen Jungfrau, die war zwar nicht schön, aber reich. Und eines Tages, da Markt in der Stadt Gießen war, ging der fromme Mann hinaus ins Freie, sich zu stärken im Glau⸗ ben. Da aber trat der Satan zu ihm in Gestalt einer gar schönen jungen Magd vom Lande, ihn zu versuchen. Und der Satan sprach aus ihm: Nu Mäche, wo willst de dann hin? Und die Dirne sprach: Auf den Acker.—„Geh mit mir in die Stadt, schönes Kind“, sprach der Fromme,„ich kaufe Dir auch ein schönes Marktstück!“ Aber die Dirne ging auf den Acker und der fromme Mann folgte ihr und herzte und küßte sie, daß ste laut aufschrie. Da kamen Leute des Wegs, der Satan entwich und der fromme Mann ergriff die Flucht. Eines Tags aber sah die Dirne den Frommen an dem Hause ihrer Herrschaft vorbeigehen:„Das ist der Uhflaoth, der mich ohgepackt hot!“ Und die Leute wunderten sich darob und erzählten es weiter ihren Nachbarn und Freun⸗ den, so daß die ganze Stadt voll wurde von dem Gerede wider den frommen Mann.
Eines Tages aber traten der fromme Mann und der Bru⸗ der seiner Braut vor die Bauerndirne und es sprach der Bruder: Kennst Du mich? Nein, sprach die Dirne. Sprach der Bruder: Kennst Du den Herrn, den ich bei mir habe? Ja, rief die Dirne, den kenne ich wohl, der hat mich angepackt! Da gingen Beide gar zornig von dannen— und von der Stund an war es aus mit der Brautschaft!
Verantwortlicher Redacteur: August Becker.
— 1898—
Die Jenny Lind flötet noch immer in Amerika herum. Neulich sang sie icgendwo die Amine iu Bellini's Nacht- wandlerin. Ein deutsches Journal, welches darüber berichtete, aber wie das Pegauer Wochenblatt die Untugend hatte, sehr an Druckfehlern zu leiden, ließ unglücklicher Weise den Punkt über dem i weg und berichtete frisch: Gestern hatten wir das Glück, Fräulein Lind in der Nachtwandlerin zu bewundern. Sie war als Amme hinreißend und bezaubernd.
In Baiern wird jetzt durch die Colporteure der Pfaf— fen eine Schrift verbreitet, die den Titel führt:„Ein Blick in das gefährliche Treiben der Judensippschaft“, worin grade⸗ zu zum Morde der Juden aufgefordert wird. Sollte man eine solche Niederträchtigkeit heutzutage für möglich halten? Laut Zeitungsschreiben geht dieses nichtwürdige Pamphlet vom Piusverein zu Augsburg aus, und der Verfasser soll der vom Protestantismus zum Katholizismus übergetretene Baron Scharf⸗ senstein sein. Ich hoffe noch immer, und zwar zu Ehren ded Piusvereins, daß die ganze Sache eine Zeitungslüge ist uns follte mich's freuen, obige Schandthat recht bald widerrufen zu können.
[Gleichfalls aus dem Leben.] Einem auf dem Lande einquartirten Hauptmanne begegnete ein Mann, der ihn mit den Worten grüßte: 9 uten Tag miteinander!, Der Haupt⸗ mann, dem dieser Gruß auffiel, rief den Mann zurück und sprach zu ihm: Was will er denn mit Seinem Gruße sa⸗ gen und warum spricht Er: Guten Tag mib'nander, da 19 doch allein gehe? Ist doch die Sache ganz in der Ordnung, erwiderte der Mann, Sie liegen ja für vier Mann einguar; tirt. Da muß ich doch sprechen: Guten Tag mit'nander.
Kossuth ist in England gelandet und laut Zeitungen hat Haynau das Schleimsieber und befindet sich in der Cur zu Gräfenberg.
In der Schweiz haben sich Zigeuner gezeigt. Ein Züricher Blatt meldet darüber: Diese Tage führte die Po⸗ lizei eine Bande Vagabunden durch die Stadt. Es waren aus Ungarn versprengte Zigeuner, Männer und Weiber mit fast dunkelbrauner Hautfarbe, glänzend schwarzen Haaren und Augen, in der bizarrsten Kleidung mit Geigen, Guitarren und Handtrommeln versehen und von einem furchtbaren Kin⸗ dersegen begleitet. Es befand sich unter der Bande eine kaum 14jährige Wöchnerin.
Gundelfinger. Du Schindlich, der französische Präse⸗ dente hat ja Kossuthen nich mal erloobt, durch de Republik Frankreich zu fahren, so daß Kossuth um ganz Spanien unten'rum mußte?
Schindelmeier. Jaa, adder siehste, Kossuth hat sich bei dieser Gelegenheet boch en spanisch Bittern gegen den franzeschen Präsedenten gekooft.
22—
Anzeigen.
Der sechste Theil vom Graf von Monte ⸗Christo wurde gestern Abend von der Weidengasse bis an die Wirthschaft von Justus Kunz verloren. Der redliche Finder wird er⸗ sucht denselben gegen eine Belohnnng an die Expedition dss. Blatts abzugeben.
r
Meinen hiesigen und auswärtigen Geschäftsfreunden widme ich hiermit die ergebene Anzeige, daß ich nunmehr wieder mit einem Vorrath aller Arten Watten versehen bin, und sol che möglichst billigst abgebe. Sodann verkaufe ich auch stets fein gekämmie Schurwolle. Auch nehme ich stets Bestellungen“an im Fertigen von Couverten.
Fr. Krauskopf, Damenschneider in Gießen, Weitgasse
Druck und Verlag von C. Schild.


