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zugeslanden und der Maximalsumme, welche dafür fest⸗ gesetzt werden sollte, erklärten sich zum größten Erstau⸗ nen alle Abgeordneten bis auf 14 Stimmen für die von der ersten Kammer beantragte Summe von einer halben Million Thaler, während sie früher sich durch förmlichen Kammerbeschluß für 300,000 Thaler ent⸗ schieden und noch wenige Stunden vor der Abstimmung daran festgehalten hatten. Was diesen plötzlichen Wech⸗ sel herbeiführte, weiß Niemand, das aber ist Thatsache, und die Sächsische konstitutionelle Zeitung bestätigt es, daß die Mitglieder kurz vor Beginn der Sitzung zu einer„vertraulichen“ Sitzung in den Ständesaal ein⸗ geladen und hier mit Delikatessen aller Art, Speisen, Getränken, Eis u. s. w., traktirt wurden. Ein wür⸗ diges Seitenstück zu den Champagner⸗ und Wurstrevuen auf der Ebene von Sartory. Diesem Konstitutiona⸗ lismus ist wahrlich der Absolutismus vorzuziehen. Morgen wird endlich diese an Schmach so reiche Kammer geschlossen.(M. Abdp.)
Berlin, 12. April. Die erste Kammer nahm heute das Diseplinargesetz in zweiter Abstimmung an. Darauf folgte der Commissionsbericht über den Strafgesetzesentwurf und dessen Einführung. Abg. v. Gerlach bekämpfte mehrere Bestimmungen des Gesetzes, z. B. die Abschaffung der Prügelstrafe, die „französische“ Eintheilung in Verbrechen, Vergehen und Uebertretungen, und fragt die Regierung: ob sie geneigt sei, den gerügten Uebelständen„auf dem Wege der Octroyirung“ abzuhelfen? Der Justizminister wider⸗ legt die Ausstellungen seines Vorredners und das Gesetz nebst dem Einführungsgesetz wird schließlich fast einstimmig angenommen.
Also endlich! Die österreichische Autwortsnote ist eingetroffen, gestern Abend eingetroffen. Uebertrieben günstig wird sie nicht lauten, sonst wäre schon irgend etwas von ihrem Inhalt ins Publikum gedrungen; müssen uns mit dieser unmaßgeblichen Vermuthung begnügen. Heute Vormittag nahm übrigens Se. Maj. der König den Vortrag des Ministerpräsidenten ent⸗ gegen und heute Abend findet ein Ministerrath statt.
Aaumburg a. d. S., 9. April. Vorige Woche ist hier der Turnverein aufgehoben worden.— Am 7. d. hatte endlich nach langem Harren die Weißen⸗ felser freie christliche Gemeinde Termin vor dem hie⸗ sigen Kreisgerichte. Vor Monaten durch Decret des Weißenfelser Magistrates aufgelöst, wegen angeblicher Verfolgung politischer Zwecke, weil sie sich mit der Nordhäuser freien Gemeinde als einer anerkannt poli⸗ tischen Gesellschaft und ebenso mit der Magdeburger in Schriftwechsel gesetzt, sollte sie nun ihr Urtheil empfangen. Aber trotz alles Suchens und Mühens hatte man keinen einzigen Beweisgrund auffinden kön⸗ nen, sondern es nur, wie der beredte Vertheidiger beß nders eindringlich hervorhob, bis zu Vermuthungen
Verdächtigungen gebracht. Nach mehr als vier⸗
ger Verhandlung sah sich das Gericht veranlaßt,
eisprechung erfolgen zu lassen. ien, 10. April. Der zur protestantischen Kirche tene römisch⸗katholische Kaplan Joh. Kuppis wurde vom Graner Consistorium excommuni⸗ in Folge dessen als Apostat und als ver⸗ Mitglied der römisch⸗ katholischen Kirche Ebenso wurde ihm erklärt, daß eine
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von ihm einzugehe
nichtig betrachtet wu
Cultus⸗Ministerial⸗Erlaß u.
Protestantismus übergetretenc.
Man glaubt, daß die protestantische. eit solchen, ihren Interessen nahe tretenden, Erlaß ein⸗ schreiten und jedes gesetzliche Mittel ergreifen würde, um die Rechte ihrer Glieder zu wahren. Die Be⸗ sorgnisse der protestantischen Kirche Ungarns, die seit dem bekannten Haynau'schen Erlasse so häufig auf⸗ tauchten, dürften durch solche Ereignisse wenig be— schwichtigt werden.
Kalisch, 5. April. Es sind in neuester Zeit im Königreiche Polen und insbesondere in Warschau meh⸗ rere im Verdachte einer politischen Verbindung stehende Personen plötzlich gefangen genommen und zur Haft gebracht worden. Unter ihnen befinden sich mehrere Geistliche und einige Literaten, die sämmtlich auf der Citadelle zu Warschau sitzen, wo sie den Ausgang ihres Prozesses abwarten.
Schweiz. Die Neue Züricher Ztg. enthält in ihrer Nummer vom 8. April folgende Mittheilung über die Beförderung der Flüchtlinge nach Frankreich. Nach einem glaubwürdigen Berichte entspricht der Transport der deutschen Flüchtlinge durch Frankreich nicht den Erwartungen, zu welchen jenes bundesräthliche Kreis⸗ schreiben berechtigte. Ein Flüchtling, welcher dem Kan⸗ ton Zürich zugetheilt war, berichtet aus Besancon: er sei, nachdem sich in Basel endlich 30 Flüchtlinge zu⸗ sammengefunden, mit seinen Leidensgefährten durch einen Landjäger nach St. Louis geführt worden. Dort verschwand der Landjäger und die 30 Flüchtlinge be⸗ gaben sich zum Maire, welcher ihnen mittheilte, daß sie ungehindert weiter reisen könnten, übrigens habe er durchaus keine weiteren Instruktionen. In Mühl⸗ hausen erhielten sie auf dieselben Fragen dieselben Antworten, nebst dem Rathe, sich nach Besancon zu begeben. Hier durchmusterte der Präfekt ihre Pässe, durchstrich Jenen, welche nach London reisen wollten, diese Direktion und schrieb Ihnen dafür hinein: Pour FAmerique! Auf ihre Vorstellungen, sie seien ohne alle Reisemittel, sie hätten sich nur in Erwartung un⸗ entgeldlichen Transports zur Reise entschloffen, erhiel⸗ ten sie endlich die Zusage einer Unterstützung von drei Sous per Stunde. Da sie mit dieser Summe ihre Effekten, Koffer ꝛc. fortschaffen zu können erklärten, entließ sie der Präfekt schließlich mit dem Rathe, diese Effekten zu verkaufen! Die Flüchtlinge sind nun ge⸗ nöthigt, den Weg bis Havre im gegenwärtigen Wetter zu Fuße zurückzulegen, und zur Fortschaffung ihres Gepäcks die Nothpfennige ihrer Genossen in Anspruch zu nehmen. Bekanntlich konnten sich bisher nur Solche zur Annahme des großmüthigen Anerbietens Frank⸗ reichs entschließen, denen andere Reisemittel gänzlich mangelten.
London, 11. April. Man ist in England auf Mittel bedacht, Revanche für den päbstlichen Uebergriff zu nehmen. Die anglikanischen Missionäre haben den Plan entworfen, zur Zeit der Welt⸗Industrieausstellung ein großartiges Propagandasystem zu organisiren. Sie haben zum diesem Zwecke ein Komite gebildet, welches die Verbreitung der protestantischen Lehre unter den Besuchern der Ausstellung leiten soll.(M. Abdp.)
Verantwortlicher Redacteur: A. Becker. Verleger C. Sartorius. Druck von M. Merck in Gießen.


