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heil verkündenden Prophezeihungen iſt keine in Er⸗ füllung gegangen. Auf dem Boden der Stadt, aus der eigenen Kraft der Bewohner ſelbſt heraus haben ſich neue Induſtriezweige entwickelt, ſind gewerbliche Anlagen entſtanden und zu einer Blüte gelangt, die für jene verloren gegangenen, von außen gewiſſermaßen mechaniſch wirkenden Erwerbsquellen zehnfachen Erſatz aluen haben. Dem entſprechend hat ſich das Außere der Stadt in einer jedem unbefangenen Auge über— raſchenden Weiſe gehoben. Ueberall bezeugen neue, ſtattliche Häuſer die ſich mehrende Bevölkerungszahl, die reicheren Läden mit ihren geſchmackvollen Schau fenſtern den ſteigenden Wohlſtand, und die zahlreichen gemeinnützigen Anlagen, die gebeſſerten Straßen und wohl gehaltenen Plätze und Promenaden, nicht zum wenigſten die neueſter Zeit in großem Sinne unter— nommene Canaliſation und Waſſerleitung zeigen zur Genüge, daß die Stadt leitung ſich ihrer geſteigerten Aufgabe wohl bewußt iſt. Der Geſchichtsforſcher aber erkennt aus dieſem allen mit hoher Genugthuung, daß der Druck, der ſeit dem dreißigjährigen Kriege auf dem deutſchen Bürgertum gelaſtet, auch von unſerer Vater ſtadt hinweggenommen iſt, daß auch hier unter der Sonne des neu erſtandenen Reiches die Früchte zur Reife gelangen, zu denen der größte Sohn des Lahn⸗ thals durch ſſeine Städteordnung vom 13. November 1808 die Saat geſtreut hat.
Wenige aber mögen eine Vorſtellung davon haben, daß Stein, als er den preußiſchen Städten die Selbſt⸗ verwaltung verlieh und ſie dadurch befähigte, in dem politiſchen Leben des modernen Staates diejenige Stellung zu gewinnen, die ſie gegenwärtig einnehmen, nicht etwas Neues ſchuf, ſondern an eine lange hiſtoriſche Entwicklungsreihe anknüpfte, die nur durch die un— ſeligen Schickſale unſers Vaterlandes im ſiebzehnten und achtzehnten Jahrhundert unterbrochen worden war. Ein kurzer Rückblick dürfte gerade in Wetzlar, wo die Zeugen des Altertums und der Neuzeit ſo zahlreich


