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men. Ganz ihrer Beſtimmung treu geblieben iſt nur die alte Kloſterbrauerei*).
In der nördlichen Häuſerreihe, die den Platz um— ſäumt, fällt, hinter den Kaſtanien verborgen, durch ſeine zwei vorſpringenden Erker ein Haus in die Augen, welches ebenfalls durch Wetzlars größten Gaſt ſeine Berühmtheit erlangt hat. Eine kleine Marmortafel meldet uns, daß hier am 20. Oct. 1772 Karl Wilhelm Jeruſalem ſtarb, jener unglückliche, viel verſprechende Sohn des Abts von Riddagshauſen, welcher aus hoff⸗ nungsloſer Liebe und gekränktem Ehrgefühl freiwillig aus dem Leben ſchied, und deſſen tragiſches Ende der Dichter ſeinem Werther ſubſtituirt hat. In Bezug auf ihn ſchreibt Göthe nach Vollendung ſeines Romans: „Ich ſtelle darin einen jungen Menſchen dar, der mit einer tiefen, reinen Empfindung und wahrer Penetra⸗ tion begabt, ſich in ſchwärmende Träumereien verliert, ſich durch Spekulation untergräbt, bis er zuletzt durch dazu tretende unglückliche Leidenſchaften, beſonders eine endloſe Liebe zerrüttet, ſich eine Kugel vor den Kopf ſchießt.“ Leſſing, welcher dem Vater eng befreundet war und dem Sohne warmes Intereſſe entgegen brachte, ſuchte das Andenken des unglücklichen jungen Mannes zu retten, indem er ſeine geſammelten kleinen Aufſätze herausgab und in der Vorrede nachzuweiſen ſuchte, daß das im Werther gezeichnete Portrait ſeines Freundes ein falſches Bild von ihm entwerfe.**)
Doch wenden wir uns dem weſtlichen Ausgange der Stadt zu, um auch von dieſer Seite einen Ueber-
*) Wer von dieſem Stadttheile aus zum Feſtplatze ge⸗ langen will, biegt vom Schillerplatz aus zur Linken in die Schwanengaſſe ein, die ihn in ihrer Verlängerung durch die Stadtmauer am Wetzbach entlang leitet. Vor der ſteinernen Brücke biegt er um eine Gartenmauer links und verfolgt die aufſteigende Straße in gerader Richtung. Nach etwa fünf Minuten kreuzt er den zum Feſtplatz führenden oben ange⸗ gebenen Weg.
n) Vergl. Julian Schmidt, Geſchichte des geiſtigen Lebens in Deutſchland, Leipzig, 1863. B. 2, Seite 6.6. ff.


