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der Einmündung der Haarbach verlaſſene Hauſergaſſe. Die Anſiedlung auf dem ſchmalen Raum zwiſchen dem Domberge und dem Fluſſe, welchen dieſe Straße mäßig anſteigend durchzieht, dürfte an Alter die übrige Stadt übertreffen und gleichzeitig mit dem Gotteshauſe auf der Höhe entſtanden ſein. Hier ließen ſich unter dem Schutze des Stiftes kleine Leute nieder, die der Kirche dienſtbar waren, Fiſcher, welche die Stiftsherrn mit der begehrten Faſtenſpeiſe verſorgten, und die Mühlen, welche hier durch das in einen Graben ge— leitete Lahnwaſſer getrieben werden, mögen ſchon vor faſt tauſend Jahren iher Erzeugniſſe in die Küche der Geiſtlichen geliefert haben.*)
Wenige Häuſer neue rlieken wir zur Rechten, gegenüber einer zum Dom aufwärts führenden Treppe, ein ſtattliches Gebäude mit breiter Front und zwei vorſpringenden Flügeln, welche s mit ſeinen lebhaften Farben und modernen Ornamenten gar fremdartig in die altmodiſche Umgebung ſich einfügt. Es klingt faſt wie eine Ironie des Schickſals, daß an der Stelle jetzt ein Poſtpalaſt, das Wahrzeichen des neu erſtandenen Reichs, ſich erhebt, wo vor kaum einem Dutzend Jahren noch das Reichskammergerichtsgebäude ſtand, bis zum Jahre 1806 das Sitzungshaus derjenigen Behörde, welche den Namen Wetzlars durch alle deutſchen Lande und über dieſelben hinaus, wenn auch nicht gerade rühmlich, bekannt gemacht hat; daß jetzt die rührigen Jünger Stephans ſchalten, wo einſt eine der letzten und kläglichſten Inſtitutionen des alten heilgen Römſchen Reichs deutſcher Nation den Traum eines kummer⸗ volten Daſeins zu Ende geträumt hat. Möge das neue Kaiſertum mit allem Schutt der vergangenen Jahrhunderte ſo gründlich räumen, wie es hier gethan! Ulmenſtein, welcher den größten Theil ſeiner Geſchichte
*) Wigand, a. a. O. Nekrolog u. ſ. w.§ 12, 17, 31, 47. Die eine der Mühlen gehörte dem Collegialſtift bis t9, Auflöſung deſſelben. S. Ulmenſtein III. S. 108.


