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Wetzlar : eine topographisch-historische Skizze ; Festgabe zum fünfzigjährigen Stiftungsfest des Kreis-Schützenvereins Wetzlar gelegentlich des 5. Bundesschießens des Gau-Verbandes Hessen und Nassau am 10., 11. u. 12. Juli 1892 / dargebracht von Rektor Luerssen
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Geiſter um dieſe Gegend ſchweben, oder ob die warme, himmliſche Phantaſte in meinem Herzen iſt, die mir alles rings umher ſo paradieſiſch macht. Da iſt gleich vor dem Orte ein Brunnen, ein Brunnen, an den ich gebannt bin, wie Meluſine mit ihren Schweſtern. Du gehſt einen kleinen Hügel hinunter und findeſt dich vor einem Gewölbe, da wohl zwanzig Stufen hinabgehen, wo unten das klarſte Waſſer aus Marmor⸗ felſen quillt. Die kleine Mauer, die oben umher die Einfaſſung macht, die hohen Bäume, die den Platz rings umher bedecken, die Kühle des Orts, das hat alles ſo was Anzügliches, ſo was Schauerliches. Es vergeht kein Tag, daß ich nicht eine Stunde da ſitze. Jetzt kommen kaum noch, wie zu Göthes Zeiten, die Mädchen aus der Stadt und holen Waſſer; denn die alte Quelle iſt durch den Bergbau unterbunden, und die neu eingelenkte fließt nur ſpärlich; die Schauer der Einſamkeit, die dieſen Ort umwehten, haben den vordringenden Häuſern weichen müſſen, die Bäume*) ſind der Zeit und dem Sturm zum Opfer gefallen; aber wer einſt mit heimlichem Entzücken jenes hohe Lied der leidenſchaftlichen Empfindung geleſen, der fühlt mit frommer Rührung neben den guten Geiſtern des Orts um ſich den Genius des Dichters ſchweben, der aus mächtigem Empfinden ſich zur Klarheit durch zuringen ſuchte.

Die Straße vom Wöllbacher Brunnenplatz auf wärts führte einſt in die Stadt durch das nach ihm benannte Thor, welches, wie die ganze Stadtmauer an⸗ dieſer Seite, verſchwunden iſt. Der Weg zum Feſt⸗ platze biegt gegenüber dem alten Kirchhofe zur Linken in die längs der Kreisſtraße ſich hinziehenden An⸗ lagen, die große Promenade genannt, ein und trifft

*) Der Stumpf der alten Göthelinde, lange Zeit mühſam aufrecht erhalten, iſt vor zwei Jahren gefallen nud im Gärl⸗ chen des Deutſchen Hauſecs, dem Lottezimmer gegenüber auf⸗ geſtellt worden; ein Bild von dem alten Göthebrunnen findet man noch in den Buch⸗ und Kunſthandlungen der Stadt.