ungeheuere Ärgernis begriff in tiefster Seele der heilige Augu- stinus, der aus der Kultur der griechischen Vielgötterei herkam und der darum ein ganzes großes Kapitel seines Lebenswerkes der Darstellung des Mysteriums der Heiligen Dreifaltigkeit ge- widmet hat. Erst in diesem Mysterium ist die Wahrheit des jüdi- schen Monotheismus mit der Wahrheit von der Macht des Heiligen Geistes in der Geburt Christi und in der Person Christi psychologisch und theologisch versöhnt. Bevor dieses Geheimnis dargelegt und klargestellt worden war, war es einem Juden nur durch besondere himmlische Erleuchtung möglich, Wesen und Natur des gottgesandten Erlösers zu erfassen.
Wie und wann wird die Kluft überbrückt werden, die dieses weltgeschichtliche Mißverständnis zwischen Judentum und Chri- stentum aufgerissen und die beiden Hälften der einen großen Wahrheit voneinander getrennt, ja auf Jahrhunderte hinaus in tödliche Feindschaft gedrängt hat? Ist nicht Christus der end- gültige Vollstrecker jener gewaltigen jüdischen Entschlossenheit, Gott zum obersten und alleinigen Herrn des menschlichen Le- bens zu machen? Ist nicht die Lehre von der Dreifaltigkeit, weit davon entfernt, den Monotheismus zu verleugnen, vielmehr die einzig mögliche Vollendung seines Sinnes und seiner Logik, also der Versuch zur Verwirklichung des Göttlichen auf dieser Erde? Sie ist doch die ewig gültige Rangordnung und Zusammenord- nung von Materie und Geist, die Heilung aller tödlichen Spal- tungen und die Antwort auf die ewige Ratlosigkeit aller ab- strakten Philosophie, die zwar den Geist im Menschenleben zur Herrschaft bringen will, die aber keine realen Möglichkeiten zur Verfügung hat, um diese Menschwerdung praktisch durchzu- setzen. Daher kommt die praktische Ohnmacht von Kants„Prak- tischer Vernunft“ und der ratlose Pessimismus Schopenhauers gegenüber der Diktatur der Triebwelt. Da doch im Grunde auch das Alte Testament mit solchem Pessimismus schließt, zitiert Schopenhauer das biblische Buch Kohelet als eine Bestätigung seiner eigenen psychologischen Feststellungen betreffend dieOhn- macht des Geistes gegenüber dem Triebleben. Diese Feststellun- gen sind ja dann auch von der Freudschen Psychoanalyse aufge- nommen und experimentell erweitert worden. Es mag viel zu denken geben, daß eine wachsende neue Richtung gerade mitten in der modernsten Psychoanalyse mehr und mehr dahin gelangt, durch eine Synthese jüdischer Ethik und christlicher Geistigkeit einen ganz neuen praktischen Versuch zu unternehmen, um das Alte und das Neue Testament zunächst einmal medizinisch-
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