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Die jüdische Frage : vom Mysterium Israels / Friedrich Wilhelm Foerster
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sich gehen sehen. Die ganze übrige Weltgeschichte steht unter dem Zeichen der reinlichsten Trennung von Gott und Welt. Allein in der jüdischen Geschichte ringt das göttliche Leben un- ablässig und unbeugsam um seine Verkörperung mitten in der menschlichen Wirklichkeit, was doch auch schon als eine Mensch- werdung Gottes bezeichnet werden darf. Und doch treffen wir immer wieder Menschen, die es nicht begreifen, daß gerade eine Geschichte, in der das furchtbare Treiben des gottverlassenen Menschen ohne jede Beschönigung dargestellt wird, zum Gefäß der Menschwerdung Gottes erwählt wurde. Aber ist es wirklich so erstaunlich, daß dasWort gerade dortFleisch annahm, wo menschliche Leidenschaft am wildesten tobte? Die Größe des Alten Testamentes besteht doch gerade darin, daß keine Ver- wirrung der gefallenen Menschennatur imstande war, das ge- waltige Thema aus dem Gewissen des Volkes und seiner Führer zu verdrängen und die unablässige Auseinandersetzung mit dem göttlichen Anspruch zum Schweigen zu bringen.

In keinem anderen Volke hat die Geschichte immer aufs neue sozusagen mit Gott diskutiert weder bei Herodot noch bei Thukydides und Livius gibt es Psalmen und Propheten. Kalt und lichtlos vollzieht sich dort das ewige Drama des mensch- lichen Kampfes um Macht, Geltung und Reichtum. Das Alte Testament aber bleibt, wie wir oben gesagt haben, der Einbruch Gottes in die menschliche Geschichte, deren Träger und Bericht- erstatter sich sonst nirgends in der Welt mit der unsichtbaren Wirklichkeit auseinandergesetzt haben. Alle großen geschicht- lichen Völker haben ihre besonderen Gaben und Bestimmungen im Ganzen der menschlichen Kultur das jüdische Volk aber scheint geschaffen, um hoch über alle bloße Kultur hinauszu- gehen und die Wirklichkeit Gottes über alle anderen Wirklich- keiten zu erheben und Gottes Willen zu erforschen und zu er- füllen. Ihm galt kein Gehorsam, der nicht von diesem Gehorsam her geweiht worden wäre. Dies wurde dann Theokratie* ge- nannt, und der Tag wird kommen, wo man verstehen wird, daß es auf die Dauer keine Demokratie ohne Theokratie in dem oben definierten Sinne geben kann was übrigens auch in der amerikanischen Verfassung angedeutet wird und daß die Welt, wie sie wirklich ist, nur von der Überwelt her regiert werden kann.

3 Das WortTheokratie wird hier nicht im theologischen Sinne ge- braucht, sondern nur ganz allgemein als die Unterwerfung aller irdischen Ordnungen unter die Gotteswahrheit.

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