realen Probleme auf eine höhere Art zu lösen und dadurch auch
die anderen Völker auf solche Lösungen hinzulenken. Aber statt
auf diese Weise ihre höhere Begabung als einen Ruf von oben aufzufassen und die Fragen der unteren Welt von der oberen Welt her zu lösen, fallen sie alle immer wieder in die Versuchung, ihre höheren Kräfte für elementare und kurzsichtige Lösungen zu mißbrauchen. Eben darum war es natürlich und providentiell, daß ein theokratisches Volk wie die Juden nur einer religiösen und nicht einer politischen Führung unterstellt war. Die reli- giösen Führer wußten das ganz genau, und dies war auch die historische Größe Samuels. Es war diesem Führer von Grund aus klar, daß jede bloße Politisierung eines religiösen Volkes sich zu einer tödlichen Gefahr für das politische und geistige Gleichgewicht des betreffenden Volkes auswirken müsse. Ist es etwa nicht wahr, daß Völkern von hoher geistiger Anlage nicht nur der nötige Realismus fehlt, um in der Politik die Menschen und Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind, sondern daß diese Völker auch in Gefahr sind— infolge der Hochspannung ihrer Seele—, in jeden weltlichen Konflikt eine erhabene Leidenschaft und eine überweltliche Phantasie hineinzutragen? Man kennt das wunderbare indische Liebesgedicht„Kalidasa und Sakuntala“. Wenn Kalidasa und Sakuntala einmal„Realpolitik“ machen wollten, so würde die ganze Welt aus den Fugen gehen. Ein erfahrener Beobachter Deutschlands sagte einmal:„Das Auf- regendste im neuen Deutschland ist der Handlungsreisende mit den Gebärden Wotans.“
Das jüdische Volk hat jenes geistige Patrimonium hervor- gebracht, von dem die ganze menschliche Zivilisation lebt. Jerusa-
lem hat via Rom das Abendland gegründet. Es hat auch Amerika'
gegründet. Oder kamen jene Sekten, die die ethischen Grund- lagen des amerikanischen Commonwealth schufen, nicht letzten Endes aus Jerusalem? Ein Volk, das für eine solche Leistung be- rufen war, die alles in den Schatten stellte, was sonst auf Erden gedichtet, gedacht und vollbracht wurde, ein solches Volk ist un- fähig, im gewöhnlichen Sinne Politik zu machen. Wohl könnte es vom Geiste her Politik machen, aber das wäre dann etwas völlig anderes als das, was die Heiden machten. Kein Wunder, daß die Begründer der jüdischen Theokratie dem Volke keine Könige, sondern Richter gaben, also geistige und moralische Führer, wie es Samuel war. Diese Richter beurteilten die politi- schen Notwendigkeiten von oben her, mußten aber schließlich nach stärkstem Widerstande dem stürmischen Verlangen des Vol-
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