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Die Freiheitsstrasse : Dachau 1943 - 1945 / Edmond Michelet. Deutsche Übertragung von Dr. Georg Graf Henckel von Donnersmarck
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uns selber und bei den anderen. Ein gewisser guter Glaube des Herzens bleibt uns auf immer versagt. Dennoch widerstrebt mir andererseits dieses Wort. Wenn unsere scheinbare Gleichgültigkeit manchmal die erstaunt, die nicht wissen, woher wir kommen, die nicht wie wir dieses ergreifende Gefühl kennen, zu leben wie aus einemNachschlag des Daseins, so sollte man uns trotzdem nicht für abgebrühte Zyniker halten. Wir sind nicht gefühllos. Der wieder erscheinende Früh- ling ist von nun an für uns etwas Unaussprechliches. Alle Jahre tauschen wir an den Jahrestagen der Befrei- ung spontan unsere Glückwünsche aus. Auf diese Art feiern wir unseren zweiten Eintritt in die Welt der Lebendigen, unsere Wiedergeburt.

Jedermann hat das Recht, aus seiner Konzentrationär- erfahrung die Folgerungen zu ziehen, die er will. Diese Folgerungen werden ebenso durch die Bedingungen der durchlebten Erfahrungen wie durch die Natur dessen bestimmt, der sie erlebt hat. Für mich will ich daraus die Lehre des Vertrauens in den Menschen ziehen. Anderen bleibt es unbenommen, ihren Scheinwerfer nur auf die entmutigenden Seiten der Menschen und der Dinge zu richten.

Es ist schon wahr, daß es diesen Anblick auch gibt. Das ist nicht zu bestreiten. Aber ich möchte annehmen, daß der ehrliche Wille, vor allem das zu suchen, was wieder Vertrauen geben kann in die unglaublichen Möglich- keiten der Menschenseele, das einzige gute Mittel ist, eine Überfahrt zu bestehen wie die, die wir hinter uns haben. Das sei ein Hinweis für die zukünftigen Kandi- daten.

Denn es gibt diese Kandidaten. Das Zeitalter der Kon- zentrationslager, das wir im Rausch von 1945 für ab- geschlossen hielten, besteht immer noch. Wenn es einen Grund zu tiefster Traurigkeit gibt, so ist es doch

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