worden, mir, der ich nicht ein Wort Deutsch verstand. Ohne diese Unkenntnis der Sprache hätte ich die Dinge vielleicht in einem anderen, realistischeren Licht ge- sehen. So sind mir manche Tatsachen entgangen, die vielleicht, wenn ich sie anders gesehen hätte, auch andere Farbtöne in das Bild gebracht hätten, das ich habe entwerfen wollen. Wenn Bohn, Marsaud, Roche und die anderen mich nicht, wie sie es getan haben, während der Typhuszeit umgeben hätten, stünde heute mein Name unter dem Buchstaben M. zwischen dem des kleinen Malandre und dem von Millet auf der lan- gen Liste der Toten vom Januar I945.
Und schließlich, wie könnte ich stillschweigend das gemeinsame Gebet übergehen, das mich im Block 26 umgab! Wenn ich mich nicht im wörtlichen Sinne da- durch gestützt und getragen gefühlt hätte, hätte ich mich dann, so wie ich es getan habe, wirklich festgebis- sen mit diesem Willen, nicht locker zu lassen?
Weder gesund noch heil! Zehn Jahre nach der Befreiung der Lager würde der Roman einer aus Ravensbrück Geretteten den Überlebenden, die es vergessen hätten, in Erinnerung rufen, daß immer etwas in ihnen sein wird, auf das diese Kennzeichnung angewendet werden muß, ganz zu schweigen von denen, die nach zehn Jahren auf den Anruf nicht mehr antworten, weil sie vorzeitig körperlich erschöpft den Kameraden nach- gefolgt sind, die sie im Frühjahr 1945 im Garten des Krematoriums oder in den Massengräbern der Um- gebung zurückgelassen haben.
Die Erfahrung, die wir durchlebt haben, ist unauslösch- lich. Sie hat uns für den Rest unserer Tage gezeichnet. Von ihr haben wir Narben zurückbehalten, die man nicht alle sieht. Weder gesund noch heil, ein bedrük- kendes Wort! Und es ist wahr, ich will das noch einmal aussprechen. Wir haben Abgründe kennengelernt, in
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