Im Namen aller Deutschen ist ı2 Jahre lang die staatliche Macht maßlos mißbraucht worden. Rohe Gewalt, Menschenverach- tung und organisierter Antisemitismus haben die Worte deutsch und Deutsch- land mit einem Stigma versehen, von dem wir nicht wissen, wie lange es ihnen noch anhaften wird. In den fünfzehn Jahren seit dem Kriege hat die Erforschung des Terror- apparates des Dritten Reiches die Unhalt- barkeit der These von der Kollektivschuld aller Deutschen erwiesen. Die uns damit gegebene Chance dürfen wir jedoch nicht in der Weise mißverstehen, daß wir uns der Kollektivhaftung entziehen, der Ver- pflichtung also, Unrecht, das in unserem Namen begangen worden ist, gutzumachen, soweit dies nach der Art des Unrechts und der Kraft des Einzelnen überhaupt mög- lich ist.
Das mindeste, was wir tun können, ist, daß wir vor dom Geschehenen nicht die Augen verschließen, sondern es zur Kenntnis neh- men. Wenn das Schlagwort von der Bewäl- tigung unserer Vergangenheit überhaupt einen Sinn haben kann, dann nur diesen, daß wir zur Kenntnis nehmen und nach- denken, nicht aber wegschauen und„ver- drängen“. Wenn die andern bereit sind, zu vergessen, so können wir das dankbar an- nehmen, wir aber dürfen nicht als erste vergessen wollen!
Edmond Michelet, ein enger Mitarbeiter des französischen Staatspräsidenten Gene- ral de Gaulle, jetzt Siegelbewahrer und Justizminister, hat in diesem Buch seine Erlebnisse in der Hölle von Dachau be-


