eines unbekannten Kameraden, den ich zufällig in der Halle des Wacken getroffen hatte, enthält eine wirklich tiefe Lehre des Maßhaltens! Aber in unseren Zeiten findet eine gewisse Ironie allmählich immer weniger Verständnis und ein paradoxes Wort wird nicht mehr unbedingt geschätzt. Versuchen wir also in weniger originellen Formulierungen die wesentliche Erfahrung des Ganzen wiederzugeben.
Diese Erfahrung, das muß ich zunächst einmal wieder- holen, ist— was mich selber angeht— in gewisser Weise außergewöhnlich. Ein Zusammentreffen von Umstän- den, die die Vorsehung geleitet hat, ließ mich während fast zweier Jahre sowohl als Zeuge wie als Beteiligter das Drama der Deportation erleben. Aber diese Tra- gödie ist von anderen unter unendlich viel schlimmeren Bedingungen durchlebt worden, die ihnen keine Mög- lichkeit ließen, einige dieser kleinen erlebten Dinge anzuschauen, anzuhören oder gar aufzuzeichnen, wie ich es manchmal getan habe. Taine sagte, daß Berichte zur Ausdeutung der Ereignisse mehr wert seien als noch so lange Darlegungen und durchdachte Be- gründungen. Wenn ich nach Mauthausen gekommen wäre wie Jaques Renouvin, wenn ich wie er und Tau- sende andere täglich die 800 Stufen zum Lager hätte ersteigen müssen, ich hätte abends nicht mehr Lust gehabt, einige Stichworte hinzukritzeln. Wäre ich ihm in diese Hölle gefolgt, ich wäre dort mit ihm ge- blieben; wenn ich im Lebensalter von Blaisot, Estra- beau oder Soulange-Bodin hergekommen wäre, wäre meine Widerstandskraft geringer gewesen, und ich wäre ihnen wahrscheinlich in das Krematorium vorausgegangen. Ohne Willy Bader, ohne die Mann- schaft der lothringischen Pfarrer und ohne den guten Joseph Joos, die mich gleich bei meiner Ankunft in Ob- hut nahmen, wäre mir der sonderbare Posten eines Dolmetschers im September 1943 nicht übertragen
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