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Die Freiheitsstrasse : Dachau 1943 - 1945 / Edmond Michelet. Deutsche Übertragung von Dr. Georg Graf Henckel von Donnersmarck
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der, denken zu müssen, daß ehemalige Konzentratio- näre das, was ihnen widerfahren ist, soweit vergessen konnten, daß sie die Vorstellung ertragen, daß ihre ärgsten Gegner dasselbe Schicksal erleiden wie sie. Es sind meine kommunistischen Kameraden, an die ich denke, wenn ich das niederschreibe. Sie, die den Zwangsarbeitsdienst als politische Maßnahme billigen, diese heuchlerische Schönfärberei, die schlecht verbirgt, was sie verdecken soll.

Nun ist es Tatsache, daß viele Deportierte, wenn man über Kommunisten mit ihnen spricht, an diejenigen denken, die in den Lagern für sie gute und manchmal bewunderungswürdige Kameraden waren. Kleine Schlauberger werden den, der so spricht, für einen Dummkopf halten. Sie sollen sich beruhigen. Die De- portierten wissen ganz genau Bescheid über die Ähn- lichkeit gewisser Haltungen. Sie wissen, daß manchmal, sogar zu oft, Kommunisten sich nicht anders verhalten haben als waschechte Nazis. Soll sie das hindern an- zuerkennen, was sie gesehen haben? Der kommu- nistische Mensch ist ihnen oft auch einfach als ein Mensch schlechthin erschienen. Das war sehr viel bes- ser; und diese Entdeckung ist alles in allem doch irgend- wie beruhigend.

Andere wollen die bürgerliche Selbstsucht in Gegensatz bringen zur Großherzigkeit des Volkes; ein längst über- holter, lächerlicher, aus der Mode gekommener Gegen- satz! Wenn ich ihn wohl einmal zu hören bekomme, so sehe ich sofort die entseelten Gesichter von Sou- lange-Boudin, von Bonotoux, von Estrabeau, von Graf Guillaume dUssel sich beleben, die Gesichter von hundert anderen Bürgern unter den Toten, die dort herrliche Zeugen der Großherzigkeit und warum es nicht aussprechen? der christlichen Nächstenliebe waren.

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