Druckschrift 
Die Freiheitsstrasse : Dachau 1943 - 1945 / Edmond Michelet. Deutsche Übertragung von Dr. Georg Graf Henckel von Donnersmarck
Entstehung
Seite
251
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hübsches Gesicht, mit diskretem Make-up. Vor allem interessiert es sie, die Namen der bedeutenden Persön- lichkeiten, die sich im Lager befinden, zu erfahren, um sie stehenden Fußes ihrer Zeitung zu kabeln. Sie über- reicht uns ihre Visitenkarte: Marguerite Higgins von derNew York Times oderWashington Post; ich erinnere mich nicht mehr genau. Noch dreißig Sekun- den, und da ist der dritte Befreier. Dieser ist nicht be- waffnet. Er stellt sich vor: es ist ein Militärseelsorger. Mit ergreifender Stimme fordert er uns auf, der Vor- sehung zu danken, daß sie uns bis zu diesem Tage er- halten habe, daß sie uns den Klauen des Drachen ent- rissen habe. Dann lädt er die herbeigeeilten Kameraden ein, auf dem großen Platz zusammenzukommen, um dem ersten Dankgebet, das er dort oben verrichten will, beizuwohnen. Mit dem Finger zeigt er auf den düsteren Turm und geht auf diese ungewöhnliche Kanzel zu. Man sieht ihn bald auf dem Aussichtspunkt des Wacht- turmes. In weiter Bewegung gibt er das Zeichen des Segens über die brüllende Menge, die aus den Blocks zusammenströmt. Aber plötzlich hört man Kugeln pfeifen; alles wirft sich zu Boden. Erst nach einem letz- ten Kugelwechsel mit den fanatischen SS-Leuten wird das Sternenbanner am Mast gehißt, wo gestern noch die rote Fahne mit dem Hakenkreuz wehte. Unerschüt- terlich aber betet der Priester von seiner Höhe herab unter einem zerbeulten Stahlhelm dasVater unser. So wurde uns sozusagen im Wildwest-Stil die Frei- heit wiedergegeben.