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Carl Goerdeler und die Deutsche Widerstandsbewegung : mit einem Brief Goerdelers in Faksimile / Gerhard Ritter
Entstehung
Seite
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48 Drittes Kapitel

ten Aufzeichnungen klingen manche Wendungen seltsam genau an die Sprache des ausgehenden,»empfindsam« gewordenen 18. Jahrhunderts an: so als ob man einen Zeitgenossen Steins selber reden hörte. So lehrhaft wirkte Goerdeler im Leben keines- wegs dafür war er ein viel zu temperamentvoller und moderner Mensch. Andererseits zeigen seine Schriften auch die Vorzüge seines Wesens. Sie sind ebenso mutig wie klar.

Den Hauptanstoß für seine Schriftstellerei bildetein den Jahren seit 1929 die mit unheimlicher Stetigkeit anwachsende Arbeits- losigkeit der Massen:? das schwerste Problem aller öffentlichen Verwaltungen. Schon auf der Königsberger Ostmesse im August 1927 will er ihr Kommen prophezeit und vor unbegründetem Optimismus gewarnt haben. Die Weltwirtschaftskrise von 1929 erschien ihm nicht als eine der industriellen Konjunkturkrisen, wie sie die Welt seit 80 Jahren kannte, sondern als Auswirkung gewaltiger Strukturveränderungen infolge des Ersten Weltkrie- ges, des Diktates von Versailles, aber auch der Zerstörung deut- schen Vermögens durch die Inflation. Das Verhängnisvollste seien die gegenseitige Abschließung der Industrieländer als Folge allgemeiner Überproduktion bei überhöhten Produktionskosten und die Störung der normalen Welthandelsbeziehungen durch das System der Reparationen und durch das ewige Schwanken der Währungsrelationen. Auch die Überproduktion hänge mit dem Überdruck der Kriegsschulden in aller Welt zusammen. Wieder- herstellung eines freien Güteraustausches mit aller Welt ist gerade für Deutschland, meint er, mit seinem beengten Wirtschaftsraum ein vordringliches Bedürfnis; zu einer autarken Wirtschaft sind gerade wir am allerwenigsten imstande. Aber wie kann der stok- kende Güterumlauf wieder in Gang gebracht werden? Als ent- scheidendes Heilmittel erscheint Goerdeler die Senkung der Preise, ermöglicht durch Verminderung der Produktionskosten. Nur so läßt sich der Absatz dauerhaft steigern, insbesondere der Auslandsexport neu beleben. Die Verminderung der Produk- tionskosten will er vor allem durch zwei Mittel erreichen: durch Senkung der Steuerlasten und durch Verringerung des Lohn- kostenanteils. Die Minderung der Steuerlasten soll ermöglicht werden durch äußerste Sparsamkeit der Verwaltung; das wird dann zum Ansatzpunkt für jene organisatorischen Reformforde- rungen, die wir schon kennen, aber auch zu mancherlei Anklagen gegen die kommunale und staatliche Finanzpolitik, gegen über- flüssige Neuerungen und Bauten im Schulwesen u. dgl. mehr.?

Unmittelbar wichtiger sind seine Vorschläge zur Verbilligung der Produktion.

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