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Carl Goerdeler und die Deutsche Widerstandsbewegung : mit einem Brief Goerdelers in Faksimile / Gerhard Ritter
Entstehung
Seite
49
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Berater des Reichspräsidenten 49

Sie laufen auf ein ganz entschieden deflatorisches Programm hinaus. Das Schlagwort Deflation, meint er, darf uns nicht schrek- ken: der richtige»preußisch-deutsche Begriff« dafür ist Sparsam- keit und Einfachheit. Mehr arbeiten ohne Lohnerhöhung, also billigere Waren schaffen ohne Verminderung der Kaufkraft des einzelnen Arbeiters, das ist der Kern seiner Vorschläge. Mehrfach hat er es für unverständlich erklärt, daß man die Löhne steigere und dabei die Zahl der Arbeitslosen sich beständig vermehren lasse. Was nützen etwa den Bauarbeitern hohe Baulöhne, wenn dadurch das Bauen so teuer wird, daß das Mietshäuserbauen sich nicht mehr rentiert und darum unterbleiben muß?(Ein häufig wiederkehrendes Lieblingsbeispiel unseres Reformers.)Er glaubte, eine Verlängerung der Arbeitszeit vonacht aufzehn Stunden ohne Lohnerhöhung würde sich(wenn auch nicht von heute auf mor- gen) wohl durchsetzen lassen. Sie wäre volkswirtschaftlich sehr viel wirksamer als die übliche Kurzarbeit(von sechs bis sieben Stunden) mit vermehrter Einstellung von Arbeitskräften. Alles kommt also darauf an, daß die Preisbindungen der Kartelle und die Lohntarife der Gewerkschaften aufgelockert werden. Auch der verständige Arbeiter muß schließlich einsehen, daß es besser ist, viele Menschen in Arbeit mit bescheidener Entlohnung zu bringen als wenige mit hohen Löhnen, während die Masse sich kümmerlich mit bloßer Arbeitslosenunterstützung durchschlagen muß. Natürlich wird der Arbeiter zu solcher Einsicht nur dann bereit sein, wenn er sieht, daß auch Beamte und Angestellte er- hebliche materielle Opfer bringen, und daß auch die Bezüge des Betriebsleiters und die Gewinne des Fabrikanten sich in mäßigen Grenzen halten(er wollte sie von Staats wegen beschränken!), und daß schließlich auch der Staat sich in seinen Ausgaben die här- teste Selbstbeschränkung auferlegt.

Goerdeler war sich völlig klar darüber, daß ein solches Pro- gramm höchst unpopulär sein mußte. Er bewunderte aber gerade den Mut zur Unpopularität an dem Reichskanzler Brüning, der damals mit so großer Energie die Staatsausgaben beschränkte, und war überzeugt, daß diese Politik, längere Zeit und mit- higkeit durchgehalten, schließlich zum Erfolg führen müsse. Auch das fortwährende Ansteigen der Arbeitslosenziffern(von 1,9 Mil- lionen 1929 auf 5,5 Millionen 1932) beirrte ihn darin nicht. Eben dies war einer der wichtigsten Gründe dafür, daß er immer wieder

| das reine Präsidialkabinett forderte; denn nur mit Hilfe präsidialer

»Notverordnungen« nach Art. 48 der Reichsverfassung würden die nötigen Maßnahmen durchzusetzen sein. Er bedauerte sogar,

) daß man nicht die politische und wirtschaftliche Krise von 1923