Zur Einführung
Die Geschichte der deutschen Widerstandsbewegung ist ebenso ein historisches wie ein politisches Problem. Ihre Betrachtung gehört ganz unmittelbar zu jener politischen Selbstbesinnung, zu der wir Deutschen durch die furchtbarste aller Katastrophen unserer bisherigen(an Katastrophen ja wahrlich reichen) Ge- schichte aufgerufen sind. Warum ist es nötig und wichtig, ihr Ge- dächtnis immer wieder zu erneuern? Es wäre bedenklich, wenn es nur- oder in erster Linie- deshalb geschähe, um uns daran zu er- bauen, daß bei weitem nicht alle Deutschen dem großen Baal ge- opfert haben; denn das liefe in allzu vielen Fällen auf eine Be- schwichtigung des bösen Gewissens hinaus und würde im ganzen mehr der Verstockung nationaler Selbstgerechtigkeit dienen als der Festigung eines gesunden nationalen Selbstbewußtseins. Aber wenn schon dieses Selbstbewußtsein heute beginnt, nach einer Periode totaler Verwirrung und Unsicherheit neu zu erwachen, so kommt alles darauf an, daß es nicht wieder auf die alten Bahnen gerät, d. h. daß es sich nicht wieder auf falsche Ehrbegriffe und Machtziele verbeißt. Es ist einfach nicht wahr- das bezeugt uns die Widerstandsbewegung gegen Hitler mit lauter Stimme-, daß die Machtinteressen der Nation imstande sind, den fundamentalen Unterschied zwischen Recht und Unrecht zu überdecken. Es ist einfach nicht wahr, daß die Solidarität der nationalen Gemein- schaft über alle anderen menschlich-sittlichen Verpflichtungen geht, daß sie einen sittlichen Höchstwert darstellt, vor dern alle anderen zu verblassen hätten.»Right or wrong, my countty«— das gilt nicht einmal im Kriege, wenn das Leben des Staates auf dem Spiele steht, als höchstes Gesetz schlechthin. Es gibt keine nationale Ehre, losgelöst von der Unterscheidung zwischen Gut und Böse; nationale Ehre ist nur da, wo ein Volk und Staat sich auch durch sittliche Leistungen bewährt. Wenn wir heute auf den Trümmern des Hitlerreiches uns bemühen, eine neue politische Volksgemeinschaft aufzubauen, so kommt.alles darauf an, daß sie nicht wieder eineGemeinschaft des brutalen nationalen Egoismus, des hemmungslosen, nackten Machtinteresses wird, sondern daß sie den Charakter einer sittlichen Gemeinschaft gewinnt, die sich im Innern aufbaut auf der Achtung vor der Würde und den Frei- heitsrechten der menschlichen Persönlichkeit und die im Verkehr mit fremden Nationen auch das Lebensrecht der anderen zu respektieren weiß. Von dieser Einsicht wird auch die historische Betrachtung der deutschen Widerstandsbewegung heute auszu- gehen haben.


