16 Einführung
Gewiß, es gab eine Zeit unmittelbar nach der großen Kata- strophe, in der es als vordringlich erschien, der von Haß- und Rachegefühlen erfüllten öffentlichen Meinung des Auslands mit dem Nachweis entgegenzutreten, daß nicht das ganze deutsche Volk solchen Haß verdiene, auch nicht den Vorwurf feiger Servili- tätschlechthin, daß man vielmehr zu unterscheiden habe zwischen der blinden Gefolgschaft Hitlers und einem anderen, besseren Deutschland, dessen führende Köpfe den Schergen Hitlers zum Opfer gefallen sind. Die bekannten Bücher von Hans Rothfels und Eberhard Zeller haben diesen Nachweis mit einer Eindring- lichkeit geführt, die allmählich auch im Ausland einen gewissen Eindruck zu machen beginnt. Heute erscheint es indessen als wichtiger, vor allem die politischen Ideen und die dahinter stehen- den sittlich-religiösen Überzeugungen ans Licht zu stellen, von denen die Opposition der deutschen Widerstandsbewegung ge- tragen war. Denn in der Tat: hier erscheinen Ideale eines neuen, besseren Deutschland und eines neuen, besseren Europa, deren innerer Wert den Tod ihrer Träger überdauert. Der Geist dieser Männer, die moralisch-politische Gesinnung, die sie zur Opposi- tion trieb, muß auch unter uns lebendig bleiben und immer neu er- weckt werden, soll unsere eigene Aufbauarbeit gelingen.
Die Zeugnisse dieses Geistes sind sehr vielgestaltig und von sehr verschiedenem Wert je nach der Tiefe und Echtheit der Mo- tive, die den einzelnen zur Opposition trieben. Die Verführungs- kraft des Nationalsozialismus war deshalb so groß, weil seine Predigt auf eine Selbstvergötterung der Nation und eine ideo- logische Verklärung natürlicher Vitalität hinauslief. Dieser Pseu- doreligion war letztlich nur eine echte Religion geistig gewach- sen, oder doch eine sittlich-politische Überzeugung, die in der Überlieferung echter Religion wurzelte. Nicht alles, was aus irgendeinem Grunde unzufrieden war mit dem Hitlerregiment, daran Kritik übte und sich irgendwie zur Wehr setzte, kann zur »deutschen Widerstandsbewegung« in dem hier gemeinten Sinn gerechnet werden. Diese Widerstandsbewegung war schließlich keine Sache unbefriedigten Ehrgeizes, sondern eines reinen Patriotismus, der unser Volk vom Abgrund des Verderbens zu- rückreißen wollte: eines Verderbens ebensowohl sittlich-geistiger als politischer Art. f
Wird ihre Geschichte so verstanden, so rückt die Gestalt des Oberbürgermeisters Dr. Carl Goerdeler ganz von selbst in den Mittelpunkt der Betrachtung. Denn die moralische Empörung als Kern der Opposition, der leidenschaftliche Wille zum Aufbau einer neuen, echten, von ssittlichen Grundsätzen getragenen Volks-


