Einführung 17
gemeinschaft und schließlich zur Begründung einer neuen, von gegenseitiger Achtung getragenen Gemeinschaft der Völker wird hier als Leitmotiv alles politischen Handelns besonders deutlich erkennbar. In Goerdeler lebt das geistige Erbe jenes spezifisch deutschen Liberalismus, der in der klassischen Epoche des deut- schen Idealismus von Kant, Humboldt und Stein bis zu den Dahl- mann, Droysen und anderen Charakterköpfen der Paulskirche sich ausgebildet hatte, lebendig fort. Es gibt aber auch äußere Gründe, die es ratsam erscheinen ließen, eine historische Darstel- lung der deutschen Widerstandsbewegung um seine Biographie zu gruppieren. Von keinem anderen Politiker der deutschen Op- position sind auch nur entfernt so zahlreiche Quellenzeugnisse über sein Wirken, und zwar auf fast allen Stufen seiner Entwick- lung, überliefert wie von ihm. Das ist kein Zufall. Kein anderer besaß eine so große Freudigkeit zu schriftlichem Niederschlag seiner Gedanken und Pläne wie er. Bis in die letzten Tage seines Lebens hat seine rastlose Feder immer neue Denkschriften, Auf- rufe, Bekenntnisse seines Glaubens an Deutschlands Zukunft und Aufbaupläne dafür entworfen. Dank der Fürsorge und Klugheit treuer Freunde im In- und Ausland ist erstaunlich viel davon er- halten geblieben; das meiste ist der Geheimen Staatspolizei Hitlers gar nicht bekannt geworden, aber auch das Beschlagnahmte ist im wesentlichen noch greifbar.
Wichtiger noch: Carl Goerdeler stand lange Zeit mehr als ir- gendein anderer im Mittelpunkt der Verschwörung gegen die Tyrannei; mit fast allen ihren Gruppen und Parteirichtungen trat er in unmittelbare persönliche Verbindung— und nicht nur als rastlos tätiger Motor und Werber der Bewegung, sondern zu- gleich als ihr produktivster Kopf, sofern es dabei auf die Aus- arbeitung allseitig durchdachter, Äußeres und Inneres zugleich umfassender Pläneankam. Von seiner Biographie her läßt sich das Ganze der Bewegung besonders gut überblicken. Andererseits hat seine Biographie überhaupt nur im Rahmen eines solchen Ge- samtaspektes historische Bedeutung. Nur im beständigen Ver- gleich mit seinen Mitkämpfern läßt sich der rechte Maßstab zur Beurteilung seines Wirkens gewinnen.
Damit ist die Gefahr einseitiger Betrachtung bereits angedeu- tet, der unsere um eine Zentralfigur gruppierte Darstellung der deutschen Widerstandsbewegung zu begegnen hat. Jeder Bio- graph ist in Versuchung, die persönliche Leistung und Bedeu- tung seines Helden zu überschätzen. Das gilt doppelt dann, wenn
er mit ihm zu Lebzeiten in näherer persönlicher Verbindung ge- ' standen hat. Der Verfasser ist sich aber nicht nur dieser Gefahr


