Bürgermeister und Kommunalpolitiker 37
lichen Zwang, der nur Masse erzeugt; der Glaube, daß das Prinzip der Selbstverantwortung auch in die Arbeiterschaft hineingetra- gen werden muß und kann und daß ebenso die Wirtschaft wie der Staat dann am besten gedeihen, wenn sie auf die freie Schaffens- kraft rüstiger, für ihr Handeln selbstverantwortlicher Bürger ver- trauen, statt ewig zu gängeln und zu kommandieren— das alles ge- hört zum echten Erbe des älteren deutschen Liberalismus, wie er sich im Kreise städtischer Selbstverwaltung noch am ehesten er- halten hatte. Die Tatsache, daß Goerdeler aus Heimat- und Fa- milientradition, zunächst wohl auch aus nationalistischen Vor- urteilen zur konservativen(»Deutschnationalen«) Partei gehörte, war im wesentlichen eine Äußerlichkeit, die unserer Feststellung nicht im Wege steht.13 Unleugbar neigte er(wie sich noch zeigen wird) zu einer autoritären Staatsauffassung, mißtraute der par- lamentarischen Verfassungsform im Sinne der westlichen Demo- kratien und vertrat kulturpolitisch einen ausgesprochen konser- vativen Standpunkt, wie er in deutschnationalen Kreisen üblich war. Aber die Autorität der Reichsleitung, die er verstärken woll- te, sollte nicht auf rohem Zwang, sondern auf allgemeinem Ver- trauen beruhen und streng an die Gesetze gebunden sein— nur freilich imstande, auch unpopuläre Maßnahmen durchzusetzen, wenn es das höhere Staatsinteresse erforderte. Das alles waren Gedanken, wie sie im deutschen Rechtsliberalismus von jeher erb- lich waren und im sogenannten Jungkonservatismus der Weima- rer Zeit wieder auflebten- nicht ohne tragische Verstrickung in die Dämonie einer politischen Bewegung, die ihre Ideen miß- brauchte. Mit den Standesinteressen der Junker und Schlotbarone dagegen hatte Goerdeler nichts zu tun. Von Hugenberg hat er sich im entscheidenden Augenblick, wie wir noch sehen werden, getrennt, und dem Vorstand der Deutschnationalen Partei ge- hörte er schon lange vor 1931 nur noch dem Namen nach an. Die Vorurteile der echten»Kapitalisten« gegen soziale Bestrebungen der Arbeiterschaft hat er nie geteilt. Wohl aber war seine wirt- schaftspolitische Grundanschauung durch einen unüberbrück- baren Abgrund vom sozialistischen Denken getrennt. Alles Wirt- schaftsleben ist für ihn Kampf- Kampf zunächst um die Selbst- erhaltung des Menschen, der aber zum»lauteren Wettbewerb« und durch soziale Hilfsbereitschaft, durch»edle und freiwillige Kameradschaft« gemildert werden muß- eine Hilfsbereitschaft, ohne die freilich»das Gemeinschaftsleben unerträglich werden müßte«.1? Übrigens stand Goerdeler mit seinem Kampf für die Freiheit " kommunaler Selbstverwaltung in einer Front mit den meisten


