34 Zweites Kapitel
schafts- und Finanzpolitik ein. Schon sehr früh hat er Bedenken geäußert gegen die Haltung der Kommunen- aber auch des Staa- tes- gegenüber diesen Problemen, wie sie in den Jahren des kur- zen Wirtschaftsaufschwungs seit der Stabilisierung der Mark (1924-1929) üblich wurde. Immer wieder klagte er in seinen Auf- sätzen über den unverantwortlichen Leichtsinn, mit dem man in Staat und Kommunen damals üppige öffentliche Bauten, Kultur- unternehmungen aller Art, Lohn- und Gehaltserhöhungen ins Werk setzte, ohne Rücksicht auf die bittere Verarmung Deutsch- lands durch den Weltkrieg und mit Hilfe einer leichtfertigen An- leihewirtschaft(besonders mit ausländischem Kapital). Dem- gegenüber vertrat er sehr puritanische Grundsätze:»Mut zur Sparsamkeit«, auch wenn sie noch so unpopulär ist— keine Aus- gaben ohne Deckung, keine Anleihe ohne dringende Notwendig- keit, kein Jahresetat ohne Ausgleich der Bilanz, keine neuen Ex- perimente mit der Währung! Nur so ist das Vertrauen der Regier- ten für die öffentliche Verwaltung nach der Inflation wieder zu gewinnen, nur so die Währung vor neuem Verfall zu sichern- ein Thema, das in unendlichen Variationen immer wiederkehrt. Nie- mand kann mehr besitzen, als er selbst erarbeitet, keine Anleihe nimmt uns die Lasten ab, die wir uns selbst aufpacken! Goerdeler beobachtete kritisch die Neigung vieler Stadtoberhäupter, sich billigen Ruhm zu verschaffen durch großartige, aber finanziell unsolide fundierte Bauten, die der Menge in die Augen fallen. Für sich selbst nahm er das Verdienst in Anspruch, als Oberbürger- meister von Leipzig eine zerrüttete Finanzwirtschaft durch eiserne Sparsamkeit in Ordnung gebracht zu haben. Beim Abschied von seinen dortigen Mitarbeitern 1937 setzte er ihnen auseinander, daß die Stadt in den sieben Jahren seiner Leitung eine Mehrlast von insgesamt 100 Millionen Mark habe einsparen müssen(infol- ge erhöhter Soziallasten, verminderter Steuereingänge und hoher Schuldentilgungspflichten) und daß es trotzdem gelungen sei, noch einen Überschuß anzusammeln und die Schuldenlast zu ver- mindern.? Das war sein größter Stolz, und von diesen Erfahrun- gen waren auch alle seine Reformprogramme für die Wirtschafts- und Finanzpolitik des Reiches bestimmt, wie wir noch sehen werden. Es versteht sich, daß später seine Kritik am Hitler-Regi- me von hierher immer neue Nahrung empfing. Ohne Zweifel ver- dankte er dieser soliden Finanzwirtschaft einen großen Teil seiner Popularität in Leipzig, besonders beim kleinen Mann; dies um so mehr, als er selbst mit seiner Familie in großer Einfachheit lebte.
Auch publizistisch hat er seine Grundsätze kommunaler Fi- nanz- und Wirtschaftspolitik verfochten, am ausführlichsten
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