32 Zweites Kapitel
bei der Besetzung städtischer Ämter sich vordrängte und mehr nach dem Parteibuch und der»Gesinnung«als nach der sachlichen ähigkeit fragte. Über das Ausmaß der so entstehenden Korrup- tion lauten die Urteile sehr verschieden.? Sicherlich hat sie sich nicht überall in gleichem Maße gezeigt. Daß in dem engen Raum städtischer Gemeinwesen, in täglicher Arbeitsgemeinschaft der verschiedenen Parteivertreter angesichts ganz konkreter Verwal- tungsaufgaben sich die politischen Gegensätze auch wohl ab- schleifen konnten, so daß eine besonders tüchtige, imponierende Persönlichkeit Raum zu freiem Wirken behielt, zeigt nicht nur das Beispiel Goerdelers, sondern die nicht unbeträchtliche Zahl be- deutender und sehr populärer Oberbürgermeister gerade in der Weimarer Republik. Aber natürlich gab es da große Unterschiede, sehr viele unnötige Hemmungen und zähe Kämpfe, die ein so rüstiger Arbeiter wie Goerdeler nur schwer ertrug. Er hat sich, auch in der Tagespresse, sehr scharf über dieses Dreschen von leerem Stroh und die ewige Wiederholung immer der gleichen Parteiphrasen geäußert.»Von programmatischen Erklärungen und Beschlüssen wird weder ein Fürsorgeempfänger satt, noch ein Kind erzogen, noch eine Straße unterhalten, noch die Straßen- bahn in Bewegung gesetzt, noch ein Konzert intoniert, sondern hier heißt es Kopf und Muskeln zu unmittelbar fruchtbarer Arbeit anspannen.«5 Abhilfe erwartete er nicht von einer Änderung des Wahlrechtes, etwa von Personalwahlen in städtischen Bezirkenan Stelle der Verhältniswahl; das würde, so meinte er, nur die Ver- treter allerengster Lokalinteressen in das Rathaus bringen.® Auch von erneuter Einführung des älteren Zensuswahlrechtes, wie sie die Konservativen(Deutschnationalen) wünschten, ist bei ihm keine Rede. Statt dessen verlangte er eine starke Beschränkung der Plenarsitzungen des Stadtparlaments: nur ein- oder zweimal im Jahr sollte man das Plenum zusammenrufen, zu Sitzungen über grundsätzliche Fragen, die dann auch allgemeines Interesse wek- ken würden. Alle laufenden Geschäfte sollten indessen mit einem »Hauptausschuß«(oder mehreren Ausschüssen) der Versamm- lung beraten werden, in dem die sachliche Debatte von selbst an die Stelle politischer Rhetorik treten würde. Seine zweite Reformforderung betrifft die Stellung des Ober- bürgermeisters: sie sollin der Weise gestärkt werden, daß er nach außen wie nach innen ganz klar als verantwortlicher Leiter des
städtischen Gemeinwesens hervortritt, nicht etwa als bloßer
Funktionär der städtischen Körperschaften, der dann»zerrieben würde zwischen der Notwendigkeit, die ihm seine Einsicht diktiert, dem Wettlauf von Parteien in vielen Gemeindevertre-
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