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Jugend und Mannesteife 29
aufgewachsen. Erst seit 1930, d. h. seit er als Leipziger Ober- bürgermeister vielins Ausland und mit vielen Ausländern in Be- rührung kam, habe er diesen Nationalismus nach und nach— dann aber gründlich!— abgestreift.!? Es scheint aber, daß seine persönliche Vorstellung vor den Königsberger Stadtverordneten auch auf die Opposition nicht ohne starken Eindruck geblieben ist. Jedenfalls gewann er eine Mehrheit, und wenn die Sozialisten bei seiner Einführung demonstrativ den Saal verließen(11. Febr. 1920), so hatte er zehn Jahre später die Genugtuung, daß sie ge- schlossen und freudig zu seiner Abschiedsehrung erschienen. Die gewinnende Kraft der Persönlichkeit und seine sachliche Leistung haben in Königsberg ebenso wie in Solingen rasch alle Wider- stände überwunden. Später in Leipzig hat sich derselbe Vorgang noch einmal wiederholt: auch hier gewann er durch sein ein- drucksvolles persönliches Auftreten die Mehrheit der Stadt- verordneten für sich, trotz geschlossenen Widerstands der Sozia- listen gegen seine Wahl.!?
Zweites Kapitel: Bürgermeister und Kommunalpolitiker
Diese biographische Skizze, in der es vor allem um den Politiker Goerdeler geht, darf sich bei der Schilderung seiner Leistungen als großstädtischer Bürgermeister nicht allzulange aufhalten. Daß sie bedeutend waren und über das Durchschnittsmaß eines routi- nierten Verwaltungsfachmannes wesentlich hinausragten, wird von allen Seiten anerkannt. Die Stadt Königsberg hat seine außer- ordentliche Arbeitsleistung dadurch gewürdigt, daß sie ihm 1928 ein behagliches Stadthaus(gegen billigen Mietzins) zurVerfügung stellte. Aus Leipzig wird berichtet, man sei dort schon nach kur- zer Zeit seines Wirkens allgemein überzeugt gewesen: einen so tüchtigen Oberbürgermeister habe die Stadt seit fünfzig Jahren nicht gehabt.! Er selbst schreibt beim Rückblick auf die Anfangs- jahre der Weimarer Republik, es sei höchst ungerecht, sie einfach des»Versagens« anzuklagen:»Wer hat denn die Revolution niedergeschlagen?.... Und dann haben wir gearbeitet, gearbeitet, gearbeitet, die Familie vergessen, geschuftet, um der Verwirrung Herr zu werden, die Verwaltung zu reinigen, zu ordnen, zu mo- dernisieren, die Finanzen zu ordnen, Recht, Anstand und Pflicht wieder zur Geltung zu bringen, die Wohnungslosigkeit zu beseiti- gen, die Verkehrs- und Versorgungsbetriebe wieder instand zu bringen, die der Arbeit Entwöhnten wieder zu steter Arbeit zu
gewöhnen, das Diktat von Versailles zu beseitigen. Wie unrecht


