Jugend und Mannesreife 23
seine»sehr verständigen sozialen Anschauungen«, sein»feines Gefühl für die Stimmung des Volkes« und besonders seine all- gemeine Beliebtheit in der Bürgerschaft und ihrer Vertretung. Es scheint also, daß die ihm eigene, geradezu faszinierende Gabe, in persönlicher Begegnung Vertrauen zu gewinnen und Miß- trauen zu zerstreuen, schon sehr früh hervorgetreten ist.
Auch der Krieg, der ihn 1914 nach dem Osten rief und dort bis zum Ende festhielt, bot ihm Gelegenheit, sein Verwaltungstalent zu bewähren: im Stabe der X. Armee erhielt er 1918(als Haupt- mann der Reserve) den Auftrag, die Finanzverwaltung des von ihr seit Brest-Litowsk besetzten gewaltigen Gebietes von Weiß- rußland und Litauen zu organisieren. Wie er ihn erfüllt hat, davon liegt ein von ihm selbst geschriebener Bericht vor, der mitfolgen- den Worten schließt:»Was dem Lande in Zukunft beschieden sein wird, steht dahin. Die Deutschen, die nicht in feindlicher Absicht kamen und trotz aller von ihnen selbst hart empfundenen Kriegsnotwendigkeiten mit friedlicher Gesinnung hier geweilt haben, wünschen dem Lande Minsk Segen auf seine Arbeit.«3 Daß die so bezeugte humane Gesinnung nichtbloßin Worten sich kundtat, zeigen die Einzelheiten des Berichts: unter sorgsamer Restauration des russischen Verwaltungsapparates und Steuer- wesens gelang es, die beim Abzug der Bolschewisten völlig ent- leerten Landeskassen rasch wieder zu füllen, eine rational geord- nete Finanzverwaltung herzustellen und damit die materiellen und kulturellen Bedürfnisse des Landes in erstaunlichem Umfang zu befriedigen. General von Falkenhayn, Goerdelers Kommandeur, versichert, die ganze Landesbevölkerung habe seine glänzende Leistung und seine große Humanität anerkannt,»was viel heißen will«.* Die leidenschaftliche Empörung, mit der später dieser ge- rechte Verwalter die brutale Mißhandlung des russischen Volkes durch Hitlers Schwarze Schergen verfolgt hat, wird durch seine eigenen Rußlanderinnerungen noch verschärft worden sein.
Das Jahr 1918 brachte aber auch den Sturz der Monarchie und die Revolution. Wer so an den alten monarchischen Ordnungen hing wie Goerdeler, mußte schwer davon getroffen werden. Erst im Frühjahr 1919 von seinem militärischen Posten am Dnjepr heimkehrend, hat er längere Zeit geschwankt, ob er in diesem neuen republikanischen Deutschland noch weiter die Beamten- laufbahn verfolgen oder sich eine völlig ungebundene Existenz schaffen sollte: etwa als Anwalt, aber auf einem eigenen ostpreu- Bischen Siedlungshof sitzend. Sein Schwiegervater, leidenschaft-
-| licher Monarchist, unterstützte diese Pläne auch finanziell, so daß || sie zeitweise der Verwirklichung nahekamen. Die Vorliebe Goer-


