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Carl Goerdeler und die Deutsche Widerstandsbewegung : mit einem Brief Goerdelers in Faksimile / Gerhard Ritter
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Jugend und Mannesreife 21

Nicht zufällig hat die Tätigkeit eines großstädtischen Syndikus ‚und Oberbürgermeisters schon seit dem 19. Jahrhundert eine solche Fülle politischer Talente in Deutschland angezogen, auch außerhalb der Hansestädte: von den Stüve und Miquel, den Winter und Forckenbeck, den Hobrecht und Adickes bis zu Jar- res, Luther und Adenauer. Das hatte auch nicht bloß politische Gründe wie etwa den, daß nicht-konservative Politiker im Reiche Bismarcks fast nur auf dem Wege großstädtischer Bürokratie in bedeutende Verwaltungsposten gelangen konnten. Vor allem gab und gibt es kaum einen zweiten Posten in der ganzen deutschen Verwaltung, der so viel Gelegenheit zur Entfaltung freier persön- licher Initiative bietet, wie den an der Spitze großer städtischer Gemeinwesen. Hier war die enge praktische Zusammenarbeit zwischen Regierten und Regierenden schon lange vor dem Zu- sammenbruch des monarchischen Beamtenstaates eine Selbstver- ständlichkeit; und da sie sich im Raum nüchtern-praktischer Ver- waltungsaufgaben vollzog, bot sich hier weniger freier Spielraum für parteipolitische Demagogie, die der sachlichen Arbeit im Weg steht, als in den Volksvertretungen des Staates. Die großen

\ Städte sind gleichsam die Nervenzentren des öffentlichen Lebens. \ Hier drängt sich die Entwicklung aller wirtschaftlichen und so- zialpolitischen Probleme der Gegenwart am dichtesten zusam- men; hier gibt es immer neue Gestaltungsaufgaben zu lösen, ge- rade auch rein technisch-ökonomische, in rasch wechselnder Folge, über alles schematisch-bürokratische Herkommen und alle Schlagworte parteipolitischer Propaganda hinweg. Sie können nur von Männern gemeistert werden, die einen hellen Blick, einen klaren, von Vorurteilen freien Kopf und schnelle Entschlußkraft besitzen, das alles verbunden mit solider ökonomisch-juristischer Sachkenntnis. Vielleicht darf man sagen, daß der Typus eines guten Oberbürgermeisters zwischen dem des staatlichen Verwal- tungsjuristen und dem des modernen großindustriellen Betriebs- führers mitteninne steht. Träger Schlendrian pflegt sich hier sehr rasch und sehr handgreiflich zu rächen, Korruption sehr bald ans Tageslicht zu kommen. Andererseits bietet die in Deutschland sonst unbekannte Form des zeitlich begrenzten Wahlbeamten- tums, der freien Berufung in städtische Ämter ohne Anciennitäts- rücksichten, der großstädtischen Verwaltung Chancen der Per- sonenauswahl, die keine staatliche Behörde besitzt. Wie günstig sich das bis in die unteren Beamtenstellen auswirken konnte, weiß - jeder, der die alte preußische Staats- und städtische Verwaltung | nebeneinander erlebt hat. Goerdeler ist immer sehr stolz gewesen | auf die persönliche Initiative in der Auswahl und Erziehung des