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Carl Goerdeler und die Deutsche Widerstandsbewegung : mit einem Brief Goerdelers in Faksimile / Gerhard Ritter
Entstehung
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20 Erstes Kapitel

veranlaßte seinen Vater, ihn von Kiel wieder fortzuholen aus einem für seine Wesensart sehr charakteristischen Motiv: er be- fürchtete, die reine Männergesellschaft des Seemanns, ohne Aus- sicht auf das innige Behagen eines regulären Familienlebens, auf die Dauer nicht zu ertragen. Carl Goerdeler war ein sehr männ- licher Charakter; aber zu dieser Männlichkeit gehörten eine Ge- mnütsart von großer Wärmebedürftigkeit und ein stark ausgepräg- ter patriarchalischer Familiensinn; in seinem Nachlaß klingt das immer wieder durch am stärksten in den leidenschaftlichen Selbstanklagen des zum Tode Verurteilten, die schönste Kraft seiner Mannesjahre verschwendet zu haben auf den rastlosen Um- trieb in beruflichen und politischen Geschäften, in Überschätzung der politischen Aufgaben, in Verkennung seiner nächsten Pflich- ten als Mensch und Familienvater. Sosehr er besessen schien von Beruf und Politik: seine Seele hat er ihnen doch niemals ganz ver- kauft.

Das Rechtsstudium, das er 1902, den Spuren des Vaters fol- gend, in Tübingen begann, hat er schon 1905 in Königsberg ab- geschlossen drei kurze Tübinger Semester umschlossen alles, was für ihn die Studienzeit an Erinnerungen unbeschwerter Ju- gend barg. Nach seinen späteren Erinnerungen hat er nur»wenige Vorlesungen, meist allgemein bildender Art, vornehmlich histo- tische, gehört«- also das juristische Studium nicht allzu wichtig genommen. Die frühe Verlobung mit Anneliese Ulrich, einer Königsberger Cousine(1903), trug zur Beschleunigung des Ex- amensabschlusses sicherlich bei. Militärdienst(beim Königsber- ger Feldartillerieregiment 16) und Referendarausbildung bei ver- schiedenen ostpreußischen Justizstellen folgten eine arbeits- reiche Zeit, in der auch die juristische Doktordissertation ent- stand. Sie wurde in Göttingen bei Robert von Hippel eingereicht und behandelt den strafrechtlichen Schuldbegriff- ein Thema, das mit seiner engen Verbindung moralphilosophischer und juristi- scher Erwägungen dem Verfasser viel Mühe gemacht hat, aber doch auch wieder für Goerdelers Geistesart charakteristisch ist.? Freilich mag ihm gerade bei dieser Arbeit bewußt geworden sein, daß ihm der Beruf des Richters nicht lag: schon bei der Ablegung der Assessorprüfung in Berlin(März 1911), der die Heirat rasch folgte, war er sich darüber klar, daß ihn die Betätigung in Ver- waltung und Wirtschaft am meisten befriedigen würde. Vorallem

die städtische Verwaltung, mit ihrer Fülle organisatorischer Auf-

gaben, ihren höchst modernen Problemen und ihrer engen

Berührung mit dem Wirtschaftsleben reizte seinen lebhaften Geist.

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