Teil eines Werkes 
Band 2, Zweiter Theil (1886)
Entstehung
Seite
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rath⸗ und thatlos gegenüber ſtehen. Eine Darlehnskaſſe mit Conſumverein und eine Molkerei⸗Genoſſenſchaft wurden in's Leben gerufen und iſt deren Geſchäftsgang be⸗ friedigend. Aber nicht ſämmtliche Landwirthe gehören dieſen Vereinen an, dieſes iſt namentlich für den kleinen Mann zu bedauern, der leichtgläubiger und dadurch den Uebervortheilungen mehr ausgeſetzt iſt, als der beſſer geſtellte und gebildetere Land⸗ wirth. Nur in gemeinſamem thatkräftigen Zuſammenhalten und Zuſammenwirken kann die Landwirthſchaft unter den heutigen Verhältniſſen der Concurrenz der billiger producirenden Länder und der rückſichtsloſen Macht des Großcapitals und der Börſe die Stirne bieten.

Das Beſtreben, Grundeigenthum zu erwerben, beſteht namentlich bei den noch theilweiſe den Taglöhnerkreiſen angehörenden Bewohnern. Die mittleren und größeren Landwirthe ſuchen ihren Beſitzſtand auch zu vergrößern, legen aber mehr Gewicht auf die Abrundung und Vergrößerung der eigenen Grundſtücke. Es kommen nur wenige Fälle vor, daß der Ankauf von Grundeigenthum mit dem Vermögen bezw. Beſitzſtand nicht im Einklang ſteht und ſind die Landwirthe meiſtens in der Lage ſelbſt theuer gekaufte Felder zu bezahlen. Bei dem Beſtreben, Grundeigenthum zu erwerben und bei getheiltem Beſitzſtand wird der Landwirth nicht mehr in die Lage kommen, daß, wie zu der Väter Zeiten, der Ertrag der Felder die fälligen Termine der Kaufgelder bezahlt. Dieſe Zeiten liegen hinter uns und im Intereſſe des kleinen und mittleren Beſitzers iſt dieſes nicht zu bedauern. Kämen dieſe Zeiten aber wieder und das Groß⸗ capital träte als Käufer auf, dann wäre der Kleingrundbeſitz verloren und der er⸗ werbſame kleine Bauer würde zum beſitzloſen Taglöhner. An die Stelle der vielen kleinen Beſitzer träten wenige Großgrundbeſitzer, eine erhaltende und erwerbende Claſſe würde ausgeſchieden. Solche Zuſtände wären aber ein Unglück für die Bevölkerung und deren wirthſchaftliche Verhältniſſe, deßhalb hat der Staat das größte Intereſſe an der Erhaltung des kleinen und mittleren Bauernſtandes.

Mit dem Fortſchreiten der Landwirthſchaft wird auch die Theilung der Arbeit immer mehr eine Nothwendigkeit. Kann dieſe auch nicht ſo, wie bei der Induſtrie durchgeführt werden, ſo iſt doch nicht zu verkennen, daß für einzelne landwirthſchaftliche Betriebe und Wirthſchaftsarten die eine Gegend mehr, die andere weniger geeignet iſt. So ſind z. B. in unſerem engeren Vaterlande ganze Kreiſe des Odenwaldes und des Vogelsberges für die Viehzucht ſehr geeignet, während heute der dortige Bauer durch den vorherrſchenden Getreidebau ein kümmerliches Daſein führt. Den beſten Beweis, was bei verſtändiger Wirthſchaft erreicht werden kann, liefern die Urcantone der Schweiz, die, von Natur arm, durch tüchtige Viehzucht zu einem behaglichen Wohl⸗ ſtand gelangt ſind. Zu ähnlichen Verhältniſſen können gerade für dieſen Wirthſchafts⸗ betrieb geeignete Bezirke des Odenwaldes und Vogelsberges auch gelangen, an An⸗ regungen dazu fehlt es nicht. Eine Reihe von Jahren wird freilich noch darüber hingehen, bis dieſe Wirthſchaftsreformen durchgeführt ſind und Sache der landwirth⸗ ſchaftlichen Vereine wird es ſein, dieſe brennenden Fragen nicht mehr von der Tages⸗ ordnung ſchwinden zu laſſen. In dieſe Uebergangsperiode ſind wir ſchon theilweiſe eingetreten und bedarf die Landwirthſchaft bis zur Durchführung dieſer Reform der