Ausgabe 
5.8.1907
 
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wir jederzeit deutsche Frauen, die in der Betätigung deutscher Tugenden, in der Betätigung echter Daterlandsliebe ein leuchtendes Vorbild sind. Ich erinnere nur an eine Elisabeth von Thüringen, an eine große Landgräfin Karoline von Hessen, an eine edle Königin Cuise! Und fürwahr, ein Land, das solche Frauen besitzt, das solche Fürstinnen hervorbringen Konnte, kann nie genug Dichter finden, die in der deutschen Frau ehren deren Eigenart, deren Charakter, deren Ge⸗ mütstiefe und deren sittlichen Wert.

Wir sind deutsche Studenten, und als solche werden wir oft genug die zukünftigen Träger und Pioniere deutscher Wissenschaft und Kultur genannt. In der richtigen Wür⸗ digung des Wesens der deutschen Frau liegt auch ein gut Stück kultureller Betätigung. Wohlan denn, werte Kommili⸗ konen, arbeiten Sie mit an der pflege und Förderung dieser Kultur als echte deutsche Studenten, als wackere und würdige Söhne unseres herrlichen deutschen Vaterlandes! Bedenken Sie, daß wir im Ciede singen:

Wer des Weibes weiblichen Sinn nicht ehrt,

Dem ist auch Freiheit und Freund nicht wert!

öFrei ist der Bursch! a i

Als freie Burschen, als freie Studenten wollen wir auch hier in Gießen die deutschen Frauen ehren. Dieser schöne, ich möchte sagen historische Festkommers zur 500 Jahr⸗Feier unserer alma mater Ludoviciana darf nicht vorübergehen, ohne den deutschen Frauen den Tribut schul⸗ diger Ehre und Achtung gezollt zu haben. Sao fordere ich Sie denn Alle auf, mit mir einzustimmen in den Ruf:Unsere deutschen Frauen, sie leben hoch, hoch, hoch!

Damit war der offizielle Teil des Festes beendet und die Fidulitas trat in ihr Recht. Sie fand in unserm all⸗ verehrten Minister Exzellenz Braun einen schneidigen Prä⸗ siden. Den Schläger in der Rechten schwingend, hielt er folgende oft von lautem Jubel unterbrochene Einleitungsrede:

Seine Magnifizenz, der Herr Rektor, haben den Wunsch ausgesprochen, daß ich für den weiteren Verlauf des Abends das Präsidium übernehme. Grau ist der Kopf geworden und wahrlich, mir würde Recht und Neigung fehlen, mich diesem Auftrag zu unterziehen, wenn ich nicht seit heute mich in dieser Korona als der jüngste Fuchs zu fühlen hätte, nach⸗ dem die Vertretung der Hochschule mir heute die höchste Ehre verliehen hat, die sie zu verleihen hat, und die mir wieder klar macht, was es heißt, dem corpus academicum einschließlich aller Kommilitonen anzugehören.

So rauschen sie herauf, die herrlichen Tage goldener Jugendzeit und wieder sauft's durch Kopf und Sinn und macht das Herz wieder warm und sagt, sei wieder mal jung mit den Jungen. Und einer, dem es geglückt ist, daß er wieder einmal unter Euch sein konnte, der stellt sich in diesem Augenblick die Frage, denn ja auch eine feine Fragestellung reicht allein aus zum Ehrendoktor der Ludo⸗ viciana, er stellt an Euch alle die Frage, was sollen wir sagen zum heutigen Tag? Darauf lautet die Antwort: wieder jung sein, wieder singenO wonnevolle Jugend⸗ zeit, mit Freuden ohne Ende. Das, was uns die Sukunft nicht bringen kann, was nur die Vergangenheit gebracht Hat, nämlich Luft, Licht, Freiheit, das mag in uns wieder neu

werden. Und so übernehme ich gern das Präsidium, indem ich hoffe, es mag aus dem Jungbrunnen glücklicher Jugend, in den wir niedergetaucht sind, uns alten Semestern allen wieder einmal eine Erfrischung werden auf Jahre und Jahre 85 So wiederhole ichO wonnevolle Jugendzeit mit Freuden ohne Ende. Und wem soll das Wort gelten, in dem sich für uns alles ausdrückt? Eben der Jugend der Ludo⸗ piciana, jener alten lieben Cudoviciana, die uns reich beschenkt hat mit all den Schätzen des Geistes, mit dem Rüstzeug, von dem ich in feierlicher Stunde sprechen durfte. Der Ludoviciana, unserer alma mater, ihr unser Empfin⸗ den, ihr unsere Ciebe, ihr unsere Dankbarkeit und ihr

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unsere Huldigung in freudiger Stunde.

Ludoviciana, hoch, hoch, hoch.

Unsere alma mater

Und was war das Band, das uns alle zusammenhielt, als wir zu den Füßen unserer Lehrer saßen? Wir wußten, es ging um ernste Dinge, aber trotzdem, es war nicht die Empfindung des Ernstes allein, sondern über allem schwebte der TonGaudeamus igitur, weil wir jung waren. Und darum, meine ich, wir sollten heute die Fidulitas anfangen mit den Klängen des Gaudeamus.

Von der allgemeinen Stimmung mitgerissen, blieb auch der Großherzog noch eine geraume Seit während der Siduli⸗ tät, und wann die letzten Lieder verklangen, entzieht sich unserer Kenntnis.

Als Anhang geben wir die drei Preislieder:

J.

1. Strömt herbei, ihr Hessensöhne, von des Rheines grünem Strand, von des Odenwaldes Höhen, von des Dogels⸗ berges Rand. Seht die Fahnen fröhlich flattern, hört der Glocken Festgeläut! Ludoviciana ist es selber, die uns heut den Willkomm beut.

2. Hus dem Glaubensstreit geboren, aus dem Swiste trotzig, blind, wuchs sie auf in Kampfesjahren, selbst ein trotzig Hessenkind; teilt des Vaterlands Bedrängnis, Deutsch⸗ lands Schmach und Deutschlands Ehr, und erblüht zu Kraft und Schönheit in des Friedensreiches Wehr.

5. Schiffenberg und Gleiberg blicken, Zeugen jener wildren Seit, heut als traute Sechgenossen auf die junge Herrlichkeit. Und die Lahn in sanftem Bogen und der Wälder grüner Kranz! Cudoviciana laß uns preisen deines Kleides zarten Glanz.

4. Die Ihr einst an dieser Stätte heißer Tage Ernst erprobt, die Ihr hier in Jugendwonne goldne Nächte habt durchtobt, rückt zusammen auf den Bänken, Jung bei Alt

und Alt bei Jung, und zu gleichem Schlag des Herzens

ein' uns die Erinnerung!

N 5. Hoch und Heil aus vollen Rehlen der Jahrhundert Jubelbraut, alten Wissens, neuen Schaffens heil'ger Mutter, tön' es laut! Hebt die Gläser! Schwingt die Speere, daß die Funken feurig sprühn! In dem Dienste alles Guten soll ihr ew'ge Jugend blüh'n!

II.

1. Vom Gleiberg schaut ins Lahnrevier der Herr der stolzen Veste:Dies Hessenvolk, ich lob' es mir, verspricht es doch das Beste. Doch tief noch steckts in Sumpf und Wald, auf Bildung kanns nicht denken: man sollt ihm, mein' ich, möglichst bald'ne hohe Schule schenken.

2. Doch anders im Familienrat alsbald ward es be⸗ schlossen, solch ungestüme Fortschrittstat hätt' allgemein ver⸗ drossen.Mit Wissenschaft verseh'n die Welt der Uirche würd'ge Diener: ein Kloster baut von eurem Geld für fromme Augustiner!

5. Gesagt, getan: das Kloster stand, den Stiftern macht es Ehre, versorgte mit Kultur das Land und mancher guten Lehre. Indes der Mönche Bildungswerk sollt kurzen Ruhm genießen, denn zwischen Glei⸗ und Schiffenberg erwuchs das muntre Gießen.

4. Die Musenstadt, da war sie ja, man brauchte nur zu wollen! Das Gute lag auch hier so nah für jeden Ein⸗ sichtsvollen: recht mitten drin im Weltverkehr, bequem im luft'gen Tale, und lieblich floß die Lahn daher wie Neckar, Main und Saale.

5. Talab noch mancher Tropfen rann gut Ding will Weile haben! dann brach die höh're Bildung an für Hessens wackre Knaben. In Deutschlands stolzen Hoch⸗ schulchor trat spät die Gießener Schwester; selbst Marburg, leider, war ihr vor um dritthalb Schock Semester.

6. Das wäre denn die Urgeschicht' der hohen Schul' zu Gießen! Was weiter folgt, wer hört es nicht mit Jubelschall gepriesen: wie Ludwigs treue Liebesmüh sie Marburg schuf zum Crutze, wie wohlgehegt sie spät und früh in seines Hauses Sdutze. f

Walter König.