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7. Auch sonst wohl hat man allerhand gehört und auch gelesen, was Wunder sie dem Hessenland drei Säkula gewesen. Wohlan, den alten echten Sinn sie fest und treu bewahre, dem Vaterland zum Vollgewinn noch viele hundert
Jahre!
Bruno Sauer.
III.
1. Das war der Landgraf Ludewig, der sprach zum Hofgesind:„Das ganze heil'ge röm'sche Reich nennt meine Hessen blind! Sagt's mal, wagt es mal und sagt's mal, ob sie es wirklich sind? Das ganze heil'ge röm'sche Reich nennt meine Hessen blind.“
2. Da naht sein Kanzler lobesam:„ich Herr,'s ist leider wahr! Doch gründet eine hohe Schul, die sticht dem Volk den Star! Klug ist's! Klug ist's und kein Trug ist's, zwar teuer, das ist wahr,— doch gründet eine hohe Schul, die sticht dem Volk den Star.“
3. Der Landgraf ritt an Kaisers of:„Herr Rudolf, seid mir hold; gebt mir ein Hochschul⸗Privileg für tausend Gulden Gold. Tut es, tut mit gutem Mut es, rund ist das Geld und rollt; gebt mir ein Hochschul⸗Privileg für tausend Gulden Gold!“
4. Der Kaiser lacht in seinen Bart:„Herr Vetter, 's ist nicht schlecht, daß Ihr, zu bilden Euer Volk, mir tausend Gulden blecht! Kund sei und in aller Mund sei Ew. Liebden Gründungsrecht; da Ihr, zu bilden Euer Volk, mir tausend Gulden blecht.“
5. Froh ritt von Prag Herr Ludwig heim, da kam er an die Lahn:„Mein gutes Städtchen Gießen soll die hohe Schule ha'n. Raus da, raus da aus dem Haus da: Philister, freie Bahn! Mein gutes Städtchen Gießen soll die hohe Schule ha'n.“
6. Und was herr Ludewig gesagt, Herr Ludewig machts wahr. Die alma mater gründet er; sind grad' drei⸗ hundert Jahr!... heil ihr! heil werd' reich zuteil ihr! Wie sticht sie brav den Star! Tloreat“ für jetzt und immerdar!
3 Frühschoppen.
Noch einmal fand sich eine große Morona in der Fest⸗ halle zusammen zu einem klbschiedstrunk, nicht in trübseliger
Eugen Netto.
Katerstimmung, sondern in dankbarer Freude über die un⸗
vergeßlich schönen Tage, die man hatte durchleben dürfen. Die Scharen, die sich zum Frühschoppen von ½12 an in der Halle versammelten, mochten wohl halb so zahlreich sein wie die Kommersteilnehmer. Nach einleitenden Worten des Herrn Dr. jur. Eger übernahm wieder Exzellenz Braun die Leitung der Tafelrunde, die sich heute wesentlich leichter mit der Stimme beherrschen ließ als gestern. Gern würden wir über die Eröffnungsrede des hohen Präsiden etwas mitteilen, aber sie enthielt gleich im Anfang ein so starkes Mißtrauensvotum gegen den Berichterstatter, daß er trauernd sein Haupt verhüllen mußte und nichts mehr hören konnte.— Lied reihte sich an Lied, und nur zögernd trennten sich die Gäste von der lichtdurchfluteten, luftigen Festhalle, als die Festlichkeit längst den linspruch auf die Bezeichnung Früh schoppen verloren hatte.
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Volksfest.
In auswärtigen Zeitungen ist mit Recht hervorgehoben worden, daß unsere Jahrhundertfeier sich von ähnlichen Veranstaltungen durch das Sehlen akademischer Steifheit und Exklusivität unterschied. Wie der Landesfürst mit seiner Hochschule feierte, so das ganze Land. Es entsprach durch⸗ aus dem demokratischen Tharakter des Festes, daß nach
Abschluß der akademischen Feiern die weite Festhalle am
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Sonntag noch einmal einem großen Volksfest geöffnet wurde. Da gab es keine Festkarte, keinen Husweis über Fugehörig⸗ keit zur Ludoviciana, keine Altersgrenze mehr, jeder war willkommen, der da kam, Bürger und Bauer, Greis und Kind. Wie weithinaus dieser Ruf gedrungen war, davon legten die vielen malerischen Volkstrachten Zeugnis ab, die man im Gewühl bewundern konnte. Dichter ats selöst beim Kommers waren heute Tische und Bänke besetzt und besonders auf der großen Treppe war das Gedränge fast beängstigend. Aber musterhaft blieb auch heute wieder die Ordnung und Selbstzucht des Publikums. Die Fülle des Gebotenen war überraschend groß. Um von den üblichen Karussels und Schaubuden am Fuß der Anhöhe zu schweigen, die Kapelle unseres Regiments, die unter Leitung ihres verdienten Musik⸗ direktors Krauße in diesen Tagen faft Uebermenschliches geleistet hat, bot neben lustigen Walzern und Märschen auch sehr gediegene Musik, standen doch gleich an der Spitze des Programms die großen Namen Beethoven, Brahms, Berlioz, Wagner; ferner vereinigte sich unter Herrn Görlachs Diri⸗ gentenstab ein gewaltiger Sängerchor zu vortrefflichen Dar⸗ bietungen, und die Männerturnvereine Gießens fanden für ihre tüchtigen Ceistungen verdientes Lob. Ein großes, glänzendes Feuerwerk, von einer Pracht wie sie Gießen wohl selten gesehen hat, krönte den kibend. Huch hier wieder beteiligte sich das Land in weitem Umkreis an der Festlust. Nicht nur beim Festplatz prasselten die Feuerräder, stiegen die Raketen und Heuergarben zum stillen Nachthimmel empor, zunächst auf dem Nahrungsberg, dann auf dem Schiffenberg, Gleiberg und Vetzberg fanden sie ein feuriges Echo; es war als wollten alle die Stätten, die einst für die Kultur unseres Candes Wert gehabt haben, ausrufen:„Seht, wir feiern mit der Stadt das heutige Fest; auch wir bringen der Ludoviciana unsern jubelnden
Ruft:„vivat, crescat,
Ehrengruß dar!“
Die feurigen Sterne der Raketen sind erloschen, aber in unauslöschlichem Glanze strahlen in aller Teilnehmer Gedächtnis diese Festtage mit ihrer Fülle von Geist und Leben, von gehaltvollem Ernst und jubelndem Frohsinn. Und so schließen wir mit dem in diesen Tagen immer wieder erklungenen Ruf:„Alma mater Ludoviciana vivat, crescat, floreat in aeternum!
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Ruf vielfachen Wunsch fügen wir dem Festbericht ein lustiges Nachspiel hinzu, das am 30. Juli in den Spalten des„Gießenen Knzeigers“ bereits zu lesen war.
Ein lustiges Unkraut unter dem Weizen.
Einige Wochen vor dem Beginn der Dreijahrhundert⸗ feier unserer Cudoviciana traf bei Professoren und Beamten der Universität das Warnungsschreiben des Allgemeinen
deutschen Zentralverbandes zur Bekämpfung des kilkoholis⸗ mus ein, das bereits in Nr. 169 vom 22. Juli des„Gieß. Unz.“ abgedruckt wurde. f
Es ist selbstverständlich, daß der Rektor sogleich durch reitende Eilboten den Engeren Senat zusammenrufen ließ, um darüber zu beraten, wie die Jahrhundertfeier der Uni⸗ versität dem Schreiben anzupassen oder ob sie ganz ab⸗ zubestellen sei. Denn die Dreihundertjahrfeier stimmt mit jedem öffentlichen und Familienfeste darin überein, daß man bei den schuldigen Bewirtungen der zugereisten Gäste nicht glaubte, den Marktbrunnen zur Löschung des Durstes zur Derfügung stellen zu dürfen, sondern Wein zu kredenzen die feste ÜUbsicht hatte. Es geriet nun alles ins Wanken. Die Senatsitzung dauerte bis 2 Uhr nachts.(So viel uns bekannt, wird in den Sitzungen des Engeren Senats nichts, also auch kein Alkohol getrunken. Die Redaktion.) Man kam zu der Ansicht, daß änderungen ganz unmöglich seien und daß das antialkoholistische Kulturdokument zu spät eingetroffen sei. Die Speisenfolge des Festmahls war gedruckt. Man konnte nicht mehr die gefährlichen Weinsorten mit edlen


