Ausgabe 
3.8.1907
 
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Das Fest im Philosophenwald.

Für keine der festlichen Veranstaltungen der Jahr⸗ hundertfeier war die Gunst des Wetters eine so unbedingt nötige Doraussetzung zum Gelingen wie für das Fest im

Philosophenwald. Feierliche Reden kann man in Aula und Kirche halten und hören, auch wenn draußen

der Himmel seine Fluten niederströmen läßt, für Festmahl und Kommers sicherte das schirmende Dach der Festhalle wenigstens Trockenheit von oben, selbst die Glut der Fackeln wird durch einen Regenguß nicht so leicht gelöscht, aber ein Waldfest vieler Tausende mit aufgespannten Regenschirmen ist ein Unding. Je größeren Wert die Festleitung gerade auf die gesellige Vereinigung im Philosophenwald legte, die weite Kreise der Bürgerschaft mit den unabsehbaren Scharen der auswärtigen Gäste, mit Dozenten und Studenten zusammenführen sollte, je mehr Mühe und Arbeit die Vor⸗ bereitungen zur Plazierung und Verpflegung der Tausende dem unermüdlichen Leiter dieser Veranstaltung, Herrn Pro⸗ fessor Biermer, gemacht hatte, um so angstvoller schauten ungezählte Augen nach dem Himmel auf, der seine Launen noch in der ersten hälfte der Woche so unbarmherzig spielen ließ. Aber die Hoffnungen der unverbesserlichen Opti⸗ misten, zu denen sich der Schreiber dieser Seilen zählt, sind nicht zu Schanden geworden. Noch wenige Minuten bevor der Sonderzug der Großherzoglichen Herrschaften in den Gießener Bahnhof einlief, ängstigte uns ein neuer Regen⸗ schauer, aber als sie den Wagen bestiegen, hörte er auf, bald brach die Sonne schüchtern durch, und seitdem erfreuen wir uns eines Wetters, das man nach den schlimmen Er⸗ fahrungen dieses Sommers vortrefflich zu nennen geneigt ist. Wind und wechselnde Bewölkung bei niedriger Temperatur hatten die Herren der Wetterwarte freilich nicht mit Unrecht angekündigt, aber es regnete doch nicht, immer freundlicher strahlte die Sonne auf die festlich geschmückte Stadt und die festlich gestimmten Menschen herab, der Wind ließ nach und die Temperatur hob sich. Die vorangegangene Kälte und die Nässe bedeuteten für das Waldfest sogar einen großen Vorteil, denn sie hatten die Entwicklung der Mückenschwärme gehindert. Glaubwürdige Seugen versichern, daß sie bei mehrstündigem Aufenthalt im Philosophenwald gestern von keiner Mücke gestochen worden sind, und welcher Gießener könnte sich entsinnen, jemals im August ohne Müchkenstiche aus dem Philosophenwald gekommen zu sein?

So konnte die Feier werden, was sie sein sollte, ein in ihrer Anspruchslosigkeit und Ungebundenheit besonders har⸗ monisches Fest für die Bürger der Stadt, für die auswärtigen Gäste, für die Familien der Dozenten und für die Studenten. Was die Stadt an der Universität und was die Universität an der Stadt hat, trat vielleicht nirgends bei der ganzen Feier so unmittelbar und herzerfreuend hervor, wie dort unter

den prächtigen Bäumen des Philosophenwaldes. Tausende fanden in den allenthalben im Walde und an der Wiese aufgeschlagenen Bänken und Tischen Platz, zahlreiche Zelte spendeten Erfrischungen aller Art und wo die Bedienung versagte, da bediente man sich in guter Laune selbst. Ein Podium auf der Wiese gab der Jugend Gelegenheit, ihre Ausdauer im Tanz zu bekunden, die Kapellen der 81 er und 1687er ließen abwechselnd ernste und fröhliche Weisen erschallen, und kraftvolle Männerchöre klangen weithin durch den Wald. Den Höhepunkt aber erreichte die Festfreude, als ganz wider Erwarten gegen 7 Uhr Se. Ugl. Hoheit der Großherzog, begleitet von Herrn Oberst v. Lindenau im offenen Wagen heranfuhren. Umbraust von einem Jubel, der so recht aus vollem Herzen kam, fuhren Seine König⸗ liche Hoheit zweimal im Schritt durch den Wald, und wie wir hören, haben sie sich sehr erfreut über das hübsche Bild, den begeisterten Empfang und die Dielseitigkeit der Veranstaltungen der Hestleitung ausgesprochen. Der Eintritt der Dunkelheit machte dem fröhlichen Treiben noch keines⸗ wegs ein Ende, für festliche Beleuchtung war bestens ge⸗ sorgt und erst um 11 Uhr wanderten die letzten Scharen zur Stadt. 8

Glückwunsch Sr. Majestät des Kaisers.

Freitag um 9 Uhr vormittags versammelte sich in der kleinen Aula des Kollegiengebäudes der Rektor, die Dekane, die Mitglieder des engeren Senats und der Nusschuß der Studentenschaft, sowie die zu der Feier eingeladenen Herren Herr Provinzialdirektor Geheimerat Dr. Breidert und Herr

Oberbürgermeister Meeum, um Seine Exzellenz, den kom⸗

mandierenden General des 18. Armeekorps, von Eichhorn, zu empfangen, den Seine Majestät der Kaiser als seinen Dertreter entsandt hat, um der Universität seine Glückwünsche auszusprechen. Nachdem Se. Exzellenz den Allerhöchsten Auf⸗ trag vollzogen, überreichte er dem Rektor der Landesuni⸗ versität im Auftrag Seiner Majestät die Insignien des Kronenordens zweiter Klasse.

Seine Magnifizenz erwiderten etwa folgendes:

Eure Exzellenz bitte ich Seiner Majestät den ehrfurchts⸗ vollsten Dank der Cudoviciana zu Füßen legen zu wollen für die außerordentliche Huld, die Seine Majestät der Ludo⸗ viciana erwiesen haben, indem Seine Majestät zu unserer Jahrhundertfeier einen Vertreter entsandten und dem Rektor der Ludwigs⸗Universität eine so hohe Kuszeichnung ver⸗ liehen haben. Ich bitte Eure Exzellenz, Seiner Majestät

berichten zu wollen, daß der Wahlspruch unserer Studenten⸗ schaft von altersher gewesen seiarmis et litteris ad