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Dann ging der Vorhang in die höhe und ließ in idealer Frühlingslandschaft die anmutige Mädchengestalt des Fräu⸗ kein Netto sehen, die mit klangvoller Stimme und seelen⸗ vollem Vortrag nachstehenden Prolog, ein Werk des Herrn Professor Dannemann, sprach:
Nun laßt die Banner weh'n. Das Fest beginne.
Die Geigen stimmt, und laßt den frohen Sang Erschallen weit ins Land. Don hoher Sinne Ertöne jubelnder Fanfaren Klang.
Nimm, alma mater, der in treuer Minne Wir zugetan, vieltausendfält'gen Dank.
Zu schwach ist unser Rund, was wir empfinden Aus übervollem Herzen, dir zu künden.
Dir tragen wir der Liebe Soll entgegen, Die du uns lehrtest echte Wissenschaft.
Wie ward des Himmels überreicher Segen Den zarten Wurzeln deiner stolzen Kraft! Wie hat auf allen deinen Schicksalswegen Behütet dich, der alle Wunder schafft,
Und dich geführt durch Fährlichkeit und Plage Empor zu diesem lichten Kuhmestage!
Wohl ist dir Leid's genug voreinst ersprossen, Und schwere Seit schuf oft dir bitt're Not. Wohl hat gar oft die Stadt, die dir erschlossen Ihr gastlich Tor, des Krieges Brand umloht. Doch nie versiegend ist der Quell geflossen, Den einst ein edler Fürst dir gütig bot.
Dein wunderkräft'ger Born gab neues Leben Und immer neuen Mut zu neuem Streben.
Wie blühtest du und hast in ferne Weiten Mit gutem Rüstzeug manchen ausgesandt Einst, da im wechselvollen Strom der Seiten Der Jahre erstes Hundert dir entschwand.
Da durftest du ein Jubelfest bereiten,
Wie keines sah zuvor das Hessenland. i
Und dankend nahmst du neuer Gnade Spenden,
Wie heut', aus deines Fürsten treuen Händen. Vernichtet war des deutschen Namens Ehre,
Da du dein zweites Säkulum vollbracht,
Die deutsche Saat zerstampft vom Korsenheere,
Die deutsche Kraft zersprengt in blut'ger Schlacht.
Doch kam ein Tag, da klirrten deutsche Speere.
Ein Morgen stieg herauf nach düst'rer Nacht.
Da gabst du hin, daß frei die heimat werde,
Manch edlen Sohn zum Schlaf in fremder Erde.
Und wieder schallt der Ruf:„Heraus die Klingen! Auf über'n heil'gen Rhein! Der Franke dräut!“ Da sandtest du zum großen Dölkerringen Der Deinen Blüte hin in großer Seit.
Und deine Jünger halfen sie vollbringen, Die große Tat, die uns das Reich erneut. Stolz ragt sein Bau. Des Krieges Stürme schweigen. Nun darfst du rasten unter Lorbeerzweigen.
Blick' um dich her, wohin du schaust, pocht Leben. Den Ruhm dir mehrend strebt der Reister Kreis. Das ist ein Schaffen, Wirken, Forschen, Weben In edler Wissenschaft um hohen Preis.
Die gute Stadt, in Treuen dir ergeben, Schmückt dir das heim in nimmermüdem Fleiß. Und dich umdrängt beim festlichen Gepränge Mit Jubel ihrer Bürger frohe Menge.
Nicht Tor und Wall, wie einst in ernsten Tagen, Umgürten sie. Ein lichtes Friedenskleid Darf, die getreu dich schirmte, heute tragen In Farbenpracht und Blütenherrlichkeit.
Groß alle Seit im Streben und im Wagen
Hat sie der Kunst ein prächtig Heim geweiht
Und lud Euch her, den Abend zu verträumen
In dieses Hauses lichtdurchströmten Räumen. Doch nicht ein ernstes Spiel soll Euch erbauen.
Des Ernstes hat genug der Tag gebracht.
Wie einst es war, sollt Ihr im Bilde schauen,
Und lust'gen Brauch, in ferner Seit erdacht.
Der Dichter zeigt Euch, aber im Vertrauen,
welch große Müh'n sein Amt dem Rektor macht.
Nicht eitel Kuhm und Ehre bringt die Würde.
Schwer drückt ihn oft des kimtes Cast und Bürde.
So mag bei Scherz und Lust der Tag entfliehen.
Doch ehe noch beginnt das heit're Spiel,
Soll unß're Herzen einmal noch durchglühen
Des Dankes hohes, heiliges Gefühl. d
Durch alle Seiten sollst du glückhaft blühen,
Der freien Lehre schützendes kisyl,
Du alma mater, und vom Quell, dem klaren,
Gib dem, der strebt zum Guten, Schönen, Wahren.
Und prange herrlich stets in Jugendschöne,
Ein Hort der Weisheit, reich an Ruhm und Glanz.
Herbei zum Feste zogen deine Söhne
Hus allen Gau'n des deutschen Vaterlands.
Dein Fürstenpaar ist nah, daß es dich kröne,
Und schlingt um deine Stirn den Lorbeerkranz.
Nun schreite, überreich an Glück und Segen,
Getrost dem vierten Säkulum entgegen!
Dann folgten vier lebende Bilder aus der Geschichte der Gießener Studentenschaft, deren künstlerische Leitung Herr Koberstein übernommen hatte. Den verbindenden Text zu ihnen, der wiederum Herrn Professor Dannemann ver⸗ dankt wurde, sprach ein Herold(Herr Werle), eine blonde Reckengestalt, mit mächtigem Organ und packender Wärme.
Das erste Bild, gestellt vom D. d. St., zeigte einen nächt⸗
lichen Kampf Gießener Studenten des 17. Jahrhunderts mit den Nachtwächtern. Die Musi spielte dazu das alte Trutz⸗ lied„Burschen heraus“. Idyllisch mutete dagegen das zweite
Bild an, das nach einem alten Gießener Stammbuchblatt
die Begehung des Candesvaters um 1773 zeigte. Es wurde gestellt von der Candsmannschaft Darmstadtia unter den Klängen des Landesvaters(Hlles schweige. Als sich der Vorhang wieder öffnete, sahen wir den Marschall Vor⸗ wärts, umdrängt von einer Fülle begeisterter Studenten. Natürlich wurde dies vom D. C. gestellte Bild begleitet von dem Blücher⸗Ciede„Was blasen die Trompeten“. Als letzte Szene sehen wir eine sehr naturgetreue Mensur auf dem Schiffenberg, gedacht etwa um 1850. Hier waren Dekorationen und Beleuchtung von ganz besonderem Reiz. Als die Musik das„Cied der Lieder“ Gaudeamus spielte, fiel die ganze Festversammlung in vollem Chor ein und der Beifall wollte nicht enden. Nach einer längeren Pause, die den Besuchern Gelegenheit gab, das prächtige Foner zu bewundern, wurde ein von Herrn Dr. Fabricius(Mar⸗ burg) verfaßtes Depositionsspiel aufgeführt. Die derbe Lustigkeit der meist sehr handgreiflichen Scherze, mit denen unsere Vorfahren im 17. Jahrhundert den Eintritt in das Studententum ausstatteten, wurde von der akademischen Orts⸗ gruppe des Dürerbundes unter freundlicher Mitwirkung des jungen begabten Schauspielers Wenz(Darmstadt) wir⸗
Ekungsvoll zur Geltung gebracht.
Nach einer durch Bizets reizende Juite Arlésienne aus⸗ gefüllte Pause folgte„Nur ein Viertelstündchen“, eine Posse von übermütigster Komik, die oft wahre Lachsalven entfesselte.
Sie zeigte, überwiegend als Traumvision, welche un⸗ endlichen Nöte die Vorbereitung zu einer Jahrhundertfeier dem Universitäts⸗Kektor bringt. Als anmutiges Swischen⸗ spiel schob sich in die fürchterlichen Traumbilder des ge⸗ hetzten Rektors ein entzückender Serpentintanz ein. Dieser Reigen wurde von zwölf jungen Damen der Gießener Ge⸗ sellschaft, darunter auch Frl. Behaghel, mit seltener Anmut ausgeführt, während die Darstellung der Posse bei den Schauspielern unseres Theaters in den besten Händen lag. Stürmischer Beifall und häufige Rufe nach dem Verfasser zeigten, wie gut der Scherz das Publikum unterhalten hatte.
Fo klang der Tag, der so reich an ernstem Gehalt war, in stürmischer Lustigkeit aus.
Druck der Brühl'schen Universitäts⸗Buch⸗ und Steindruckerei. R. Cange, Gießen.
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