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Sprudelmarken überdrucken. Auf telephonische Anfrage wurde gemeldet, daß der Malzauszug des für den Kommers bestellten Bieres schon in vollster, nicht mehr aufzuhaltender Gärung begriffen sei, so daß es unmöglich wurde, den Kommers bei süßer, Geist und Kehle besänftigender Mumme Abzuützalten. kluf den Vorschlag des Rektors, trotz alledem das Fest im Inkeresse der Moral und des kraftvollen Fort⸗ bestandes des deutschen Volkes ganz fallen zu Jassen, da nur das die in dem Schreiben geforderte„Konsequenz“ sein könne, entgegenete ein nicht unerfahrenes Mitglied des Senats, daß die Verhandlungen mit der vorgesetzten Behörde über diese Frage voraussichtlich sechs Wochen dauern würden: Es ent⸗ sehe dann die größere Gefahr, daß die Ehrengäste, um sich die Seit bis zur Entscheidung zu vertreiben, viel, ach! viel mehr klkohol zu sich nehmen würden, als in den drei vorgesehenen Fe Und wenn das Fest dann doch„verfügt“ würde, dann kämen diese drei Tage noch hinzu.
Mit schmerzlichem Bedauern wurde also für unveränderte Abhaltung des Festes gestimmt. Die Professoren haben sich aber das Wort gegeben, das Fest mit dem Anschreiben in der Tasche zu feiern und haben sich verpflichtet, keinerlei „ kademische Trinksitten“ zu dulden, namentlich weder unter⸗ Einander noch mit Studenten„Bierjungen“ zu trinken, und streng zu verbieten, daß die Fakultäten sich gegenseitig mit „Ganzen“ in die Luft sprengen. Damit ist sicher die größte Sorge des Zentralverbandes zur Bekämpfung des Alkoholis⸗ mus(E. L.) beseitigt. 8
Wäre das Schreiben früher eingegangen, so hätte man im Sinne des Zentralverbandes eine Programmnummer zur Fffentlichen Verhöhnung des(llkoholismus einschieben können. Wie man in China und Indien hohen Gästen zu Ehren eine Hinrichtung vorführt, so hätte man einen rodensteinischen Enkel durch einen Abstinenten niedertrinken lassen sollen. Das wäre eine hübsche Nummer mit mora⸗ lischem Schlußeffekt gewesen. Aber es ist zu spät. Kein
Abstinent war bereit, sich jetzt noch ordentlich im wassertrinken zu trainieren, und leider ist die Gegenpartei immer trainiert. Hätte nur der Sentralverband wenigstens seine Epistel in Versen verfaßt. Man hätte sie dann in das Kommers⸗
liederbuch mit aufgenommen, und sie hätte zur Hebung der studentischen Fidelität und Moral in gleicher Weise bei⸗ getragen. Der Zentralverband hätte sogar noch die Kussicht gehabt, den für das beste Kommerslied ausgesetzten Preis von 20 Flaschen edlen Selterwassers zu gewinnen.
Ein Professor, den wir allerdings nicht für ganz objektiv halten, weil wir ihn schon einmal bei Ortenbach in Wetzlar getroffen haben, verfocht Meinungen, die wir hier zwar wiedergeben, aber natürlich, ohne sie anzuerkennen. Er meinte, der Sentralverband habe seine Befugnis als Verein überschritten und schade einer guten Sache, indem er sie selbst der Lächerlichkeit überliefere. Denn er werde lebhaft bei dieser Gelegenheit an eine Bestimmung des alten Bonner Statuts erinnert, wonach es den Studenten streng untersagt war, sich bei Hochzeiten und Festen einzudrängen,
eine Bestimmung, deren Kuffrischung er dem Sentralverbande für seine Statuten empfahl. Wir teilen diese Unsichten natür⸗ lich nicht.(Aber wir. D. Red.) Doch möchten auch wir noch bescheiden fragen, warum gerade Gießen in dieser Pre⸗ digt(Kapuzinerpredigt! D. Red.) so scharf ermahnt wird. Gießen! welches den genialen Erfinder des Fleischextraktes, dieser himmelsgabe für Abstinenten, sein nennt, die Fleisch⸗ extraktbüchse als Symbol der Mäßigkeit anführen kann.
Hllerdings wollen wir das etwas verdächtige Wort „Kommers“ nicht totschweigen. Aber die Kommerse in Gießen bedeuten wesentlich eine alte Form fröhlicher Geselligkeit und niemals eine„Offizielle Anerkennung akademischer
Trinksitten“. Diese Meinung des Sentralverbandes kommt
wohl daher, daß er noch die älteste Kuflage des Nonver⸗ sationslexikons benutzt. Auch der Kommers ist schon„um⸗ gewertet“. Du weißt es, Bacchos, Göttlicher! daß unsere Studenten gar nicht alle Wein und Bier trinken. Du sahst
es, vielleicht mit Mißfallen, daß schon Korporationsstudenten bei ihren Kneipen Mineralwasser schlürfen. Aber wie du auch darüber denken magst, hilf uns voll göttlicher Gerechtig⸗ keit und bestätige, daß wir niemals„Alkohol“ tranken, nicht einmal schwedischen punsch, wie in hamburg i dem Sitz des Sentralverbandes, bei Festen üblich!
Ein großer Trost erwächst der Ludoviciana dadurch, daß der Vorwurf:„Die Veranstalter der gehen Jahrhundertfeier machen sich der Förderung des Klkoholismus fchuldig!“ sie eigentlich gar nicht angeht. Der Sentralverband hat die an allen Postanstalten angeschriebene Aufforderung:„Rich⸗ tige Adresse nicht vergessen!“ nicht beachtet. Veranstalter der Dreijahrhundertfeier sind nicht die Professoren und Be⸗
amten der Universität, sondern die Staatsregierung. Der
oben zitierte, uns etwas unangenehme Professor behauptete sogar, er müsse es ganz und gar bezweifeln, daß dem Sen⸗ tralverband zur Bekämpfung des Alkoholismus unbekannt sei, daß keiner der Adressaten den Klkoholgenuß empfehle oder dazu ermuntere, weil längst jeder Universitätsdozent die Studenten viel besser als der„Abstinententag“ über den Schaden des Alkoholgenusses aufkläre und die Universitäts⸗ lehrer durch Enthaltung von alkoholischen Getränken sich selbst vor Schaden bewahren und mit ihrem Beispiel voran⸗ gehen. Umso mehr halte er es für eine Torheit, die die Narrenkappe verdiente, mit Kapuzinerpredigten bei studenti⸗ schen Festlichkeiten aufzutreten.
Er behauptete, man könne dem„Sentralverbande“ ganz andere positive Aufgabe empfehlen, deren Nichterfüllung seinem Siele täglich entgegenarbeitet.
J. sollte der Sentralverband, statt Proteste zu drucken, einmal für einen preiswürdigen und trinkbaren Ersatz der alkoholischen Getränke sorgen. Die alkoholfreien Getränke des Handels sind sämtlich abscheuliche Flüssigkeiten, deren Fabrikation nichts beabsichtigt, als sich auf Kosten wohl⸗ meinender Menschen zu bereichern. Die Schlechtigkeit, Unbe⸗ kömmlichkeit und der erstaunliche Preis dieser edlen Ge⸗ mische unbekannter Husammensetzung sind Ursache, daß viele wieder zu den besseren und billigeren alkoholischen Getränken zurückkehren.
2. Der Sentralverband sorge dafür, daß nicht bloß auf den Akademien, sondern auch anderswo Freiheit in Trink⸗ sitten herrsche. Warum protestiert er nicht dagegen, daß man in den großen Hotels der Sommerfrischen, wo sich Körper und Geist erholen soll, gezwungen wird, tag ⸗ lich ein anständiges Guantum alkoholischer Getränke zu vertilgen. Hier ist nicht, wie bei einem Feste, ein idealer Nebenzweck vorhanden, sondern bloß der reale Gewinn der Wirte die Triebfeder. Wenn man 6 Wochen gezwungen wird, gute, wenn auch schädliche alkoholische Getränke zu genießen, dann gewöhnt sich mancher die alkoholfreien Ci⸗ sanen wieder ab. a
Diese Rügen erscheinen nicht unberechtigt, aber man müßte wohl fragen, hat denn der Sentralverband nicht längst diese Mängel abgestellt? was tut er denn eigentlich? (schimpfen! Die Red.) Soviel ist sicher, daß in der Alkohol⸗ frage nur Erfolg zu erwarten ist, wenn man dem Fatze, das Bessere ist der Feind des Guten, genügt. Hier muß Wahr⸗ heit werden: a
Das Gute, dieser Satz steht fest, Ist stets das Böse, das man läßt.
Der Himmel bewahre uns aber vor den Verhältnissen amerikanischer Temperenzstädte, denen der Zentralverband offenbar zustrebt. Wir bitten uns alle beim Abschiedsfrüh⸗ choppen geleerte Selterswasserflaschen zu überlassen, die dem Zentralverband als unwiderleglicher Beweis für die Vortritt der Ludoviciana bei Bekämpfung aller„Krebsschäden“, auch des Klkoholismus, zugesandt werden sollen. Sonst würden
uns Onkel Franziskus, Tante Ottilie und Tante Gertrud
doch nicht glauben. Ein Privat⸗Abstinent.
Verantwortlich für die Redaktion: kl. Körte. Druck der Brühl'schen Universitäts⸗Buch⸗ und Steindruckerei. R. Cange, Gießen.


