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Der Festkommers.
Der große Festkommers sollte den Abschluß und in ge⸗ wissem Sinne den Gipfel der ganzen Jubelfeier bilden. Fand sich doch nur auf ihm die ganze Ludoviciana, vom er⸗ habenen Rector magnificentissimus bis zum jüngsten Fuchs in einhelliger Festlust zusammen. Für die etwa 5000 Teil⸗ nehmer reichten die Tische und Bänke der riesigen Festhalle sehr wohl aus, dagegen fanden die Damen, für die 450 Karten ausgegeben waren, offenbar nicht auf der Tribüne Platz, denn schon bald nach Beginn des Kommerses sah man sie in großer Sahl mitten unter den Herren lustwandeln.— Der Platz reichte für die gewaltige Dersammlung aus, aber nicht die Stimmen der Redner, nur sehr wenigen, am besten wohl dem ersten studentischen Redner auf Kaiser und Groß⸗ herzog, gelang es, sich durch die ganze Festhalle hin ver⸗ nehmlich zu machen,— und je weniger die entfernter Sitzen⸗ den die Sprecher verstehen konnten, um so mehr wuchs die allgemeine Unruhe. So ist mancher kluge Gedanke, manches fein geprägte Wort nieht zu der verdienten Wir⸗ Rung gekommen und deshalb halten wir es für unsere Pflicht, die Reden so vollständig als der verfügbare Raum es gestattet wiederzugeben.
Der Kommers wurde von Seiner Magnifizenz mit der jubelnd aufgenommenen Mitteilung eröffnet, daß Seine Königliche Hoheit geruhe, das Ehrenpräsidium zu über⸗ nehmen. Dann erscholl als erstes Lied der preisgekrönte Festgesang von Herrn Professor König, das wir zusammen mit den beiden anderen gekrönten Liedern am Schluß dieses Berichts abdrucken.
Bald folgte die Rede auf Kaiser und Großherzog von Herrn stud. phil. Schmidt(Normannige) mit beneidenswerter Stimmkraft vorgetragen:
Königliche Hoheit, Kommilitonen!
Wenn wir am heutigen Abend zusammengekommen sind, um die dritte Jahrhundertfeier unserer Universität nach althergebrachter, echt deutsch studentischer Sitte durch einen fröhlichen Kommers zu begehen, so wollen wir dabei auch des Mannes nicht vergessen, dem das mühevolle Amt obliegt, unser gesamtes deutsches Vaterland nach außen und nach innen zu vertreten, unseres deutschen Naisers.
Kaiser Wilhelm II. verkörpert die höchsten Hoffnungen, die Cieblingswünsche Deutschlands. Er ist der Träger und Förderer jener im edelsten Sinne des Wortes volksfreund⸗ lichen Politik, welche ihrem Schöpfer den herrlichen Namen eines Vaters des Daterlandes eintrug. kin dieser Politik festzuhalten, sie in gleichem Geiste weiterzuführen und zu krönen, hat sich Kaiser Wilhelm II. zur vornehmsten Auf⸗ gabe seines Herrscherwaltens gesetzt. Ganz Deutschland und mit ihm vor allem die deutsche studierende Jugend, sie blicken, das Herz von freudigem Stolze geschwellt, auf
einen Herrscher, der da lebt des festen Willens, ein Fürst des Friedens nach außen zu sein, und der mit nicht minder gewaltiger hand im Innern den Frieden zu schirmen weiß, indem er Gott gibt, was des Gottes ist, dafür aber auch verlangt, daß dem Kaiser gegeben werde, was des Kaisers ist. Geben wir deshalb als echte deutsche Stu⸗ denten, was des Naisers ist: Unsere unbedingte deutsche Treue. g
Und was der Uaiser für das Reich ist, das ist der Großherzog für unser engeres Vaterland.
Die Treue und Liebe zum angestammten Fürstenhause
ist, wie die Geschichte bezeugt, ein unveräußerliches herrliches Erbe unseres Stammes, und so ist der heutige Tag ein Fest der ganzen hessischen Studentenschaft, die ihre ehr⸗ erbietigste Huldigung dem allerhöchsten Herrn entgegenbringt, der im innigsten Mitempfinden und in fürsorgender Ciebe den Hesttag mitbegeht. In langjähriger, reichgesegneter Regierung hat es unser geliebter Candesfürst Ernst Ludwig verstanden, unser Vaterland auf den Bahnen maßvollen Nunstfortschritts zu leiten, Kunst und Wissenschaft, handel und Verkehr zu heben und zu fördern, und unter seinem Szepter hat sich eine Fülle von Segnungen auf Land und Volk ergossen, das in der Reihe der deutschen Bundesstaaten eine hochgeachtete Stel⸗ lung einnimmt. Es bedarf nicht vieler Worte, es ist doch allbekannt, wie unser allgeliebter Landesherr am Wohl und Wehe der Bewohner des Landes, mit denen er mit den innigsten Fasern verwachsen ist, persönlich den regsten Anteil nimmt, wie er insbesondere im Geiste seiner hoch⸗ herzigen, unvergeßlichen Mutter, der lebensverschönernden Kunst, einer der edelsten Blüten des menschlichen Geistes, eine bleibende Stätte in seinem Lande bereitet, und nach wie vor mit regem Geiste für sie wirkt— ein Wirken, das in der Geschichte der modernen Kunst und des Kunstgewerbes rühmlichst verzeichnet ist.
Möge unser vielgeliebter Landesherr in diesem Sinne weiterhin in recht gedeihlicher Weise zum Segen unseres engeren und weiteren Daterlandes ein Förderer sein van Kunst und Wissenschaft, möge sich aber auch unsere hessische Studentenschaft stets bewußt bleiben der innigen Bande, die sie mit unserem lieben Landesherrn als Rector magni- kicentissimus zur Verwirklichung dieser Ziele verbindet. So machen wir uns denn zum schlichten Dolmetsch der Gefühle, die die hessische Studentenschaft heute beseelt, indem wir ausrufen: Sott segne, schütze und erhalte Seine Königliche Hoheit den Großherzog und seine Schutzbefohlene, die alma mater Ludoviciana.
Und zum Ausdruck dieser Gefühle fordere ich meine Kommilitonen auf, mit mir einzustimmen in den Ruf: Seine Majestät der deutsche Kaiser Wilhelm II. und Seine König⸗ liche Hoheit der Großherzog Ernst Ludwig, sie leben hoch, hoch, hoch!


