auf das Wohlwollen unserer Regierung angewiesen. Wir haben auch den Landständen zu danken, die die schwere Hlufgabe haben, den immer wachsenden Bedürfnissen der Universität nicht nur das gleiche Interesse, sondern auch die gleiche Opferwilligkeit entgegenzubringen. Wir wissen es and genau, meine Herren von der Ersten und Sweiten ammer, daß der Haushalt der Universität allmählich zu einer Höhe angeschwollen ist, die für einen kleinen Staat kaum noch erträglich scheint.
Aber wir halten es für unsere Pflicht und werden von dieser Pflicht nicht lassen ohne Rücksicht auf irgendwelche außerhalb der Universität liegenden Verhältnisse, unsere wünsche geltend zu machen. Gb diese Wünsche befriedigt werden können, das ist freilich Sache der Stände. Wir danken den Vertretern der Stände, die unter uns weilen, und bitten um ferneres Wohlwollen. Wir danken auch der Provinz und Stadt nicht nur für die reichen Schenkungen, sondern auch für das mannigfaltige Entgegenkommen, für die reiche Unterstützung, die wir bei der Vorbereitung dieses Festes gefunden haben. Wir tun es aber auch im Bewußtsein, daß wir nicht nur der empfangende, sondern auch der gebende Teil sind und dabei wollen wir nicht zu den gemeinen Naturen gezählt werden, die, mit Schiller zu reden, mit dem zahlen, was sie haben, sondern die damit zahlen, was sie sind. Das macht uns freilich oft unbequem, aber man muß sich daran gewöhnen, daß die erwachsenen Söhne nicht immer den Weg gehen, den ihnen die sorgsame Mutter in zarter Fürsorge vorschreiben will.
Wir danken Ihnen aber, meine Herren von der Pro⸗ vinz und Stadt, für alles Freundliche, was Sie uns erwiesen haben in diesen Tagen. Wir danken insbesondere den Herren, die uns nicht nur mit Rat, sondern auch mit Tat unterstützt haben, gedenken an dieser Stelle auch dessen, dessen Rat hier für die Vorbereitung des Sestes sehr wert⸗ voll gewesen war und der es nicht mehr hat erleben dürfen.
Auch dem Militär schulden wir Dank. Es ist nicht leicht, meine Herren Kollegen aus Gießen, daß ein Offiziers korps so zu sagen seine Kapelle in Urlaub gibt, wo doch Dienst und Geselligkeit im eigenen Korps nicht stille stehen. Aber mehr als das gelten uns die freundschaftlichen Winke und Ratschläge, die uns der Oberkommandeur des Kaiser⸗Regi⸗ ments hat zu teil werden lassen, und die wir zu unserem Nutzen befolgt haben.
Und nun denken Sie wohl, ich sei am Ende? Das bin ich noch nicht. Das Schönste an der Jubelfeier ist das Wiedersehen mit den alten herren. Hunderte und Tausende feiern augenblicklich in unserer Stadt ein solches Wiedersehen. Auch an dieser festlichen Tafel sitzen da und dort gute Bekannte und liebe Freunde, dahin winkt die hand und hierhin grüßt
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das Huge und der Sonnenschein der Freude liegt auf den Gesichtern.
Fast ein halbes Hundert unserer früheren Kollegen sind unserer Einladung gefolgt. Sie haben damit gezeigt, daß sie an Gießen nach wie vor mit besonderer Suneigung hängen. Worauf gründet sich das? Und was ist denn das für ein Geheimnis, das Sie immer wieder nach Gießen zieht, meine Herren Kollegen? So bevorzugt ist doch Gießen nicht, daß es sich mit den berühmten Städten messen könnte, in denen viele unserer Freunde jetzt dozieren. Ich will es Ihnen verraten, das Geheimnis, meine Herren Kollegen. Es ist nicht nur die freie Luft in Gießen, was sie hierher zieht. Sie haben in Gießen die Jahre verbracht, in denen alles, was in Ihnen zum Lichte strebte, zu reifen begann, in denen sie es besprochen, mit lieben Gesellen und guten Freunden in Slur und Wald, um es nachher beim Schein der Studier⸗ Lampe zu vergleichen, zu verarbeiten,— es an klugen Schülern so zu sagen auszuprobieren, um es dann allmälig hinüber zu führen in diejenige Form, in der es auf weite Kreise nah und fern wirken soll. Das ist es, da sitzt das Geheimnis. Und deshalb zieht es Sie wieder hierher, wo alles so frisch und selbstverständlich war, wo ein jeder arbeitete und rührig schaffte und keine Seit hatte für Kliquenwesen, wo ein jeder den anderen achtete, weil er einen tüchtigen Kerl in ihm witterte. Die freie Luft in Gießen, die gleich⸗ gestimmte Kollegialität und die Abweisung jeglichen Man⸗ darinentums, das sind die Schlüssel zu dem Geheimnis, von dem ich zu Ihnen sprach. i
Und damit wende ich mich zu Ihnen, meine Herren Rektoren der auswärtigen Universitäten, Hochschulen und Akademien. Ich spreche Ihnen unsere Freude und Genug⸗ tuung dafür aus, daß Sie alle gekommen sind, zumeist vertreten durch ihre Rektoren, auch unsere deutsch⸗öster⸗ reichische Schwesteruniversität. Was ich jetzt sagen werde, ist mein ausdrücklicher Wunsch. Ich möchte Sie neidisch machen. Ich möchte, daß Sie von Gießen mit dem Wunsche weggehen, daß hier gut sein ist. Einer meiner hochver⸗ dienten Freunde, der jetzt an einer großen Universität unseres großen Nachbarstaates wirkt, hat mir einmal ge⸗ schrieben, Gießen sei ein Idyll. Nun, es ist nicht alles idyllisch hier, aber es ist schon etwas daran. Sagen Sie Ihren herren Kollegen an den verschiedenen Uni⸗ versitäten, daß Gießen eine Universität ist, in der sich gut leben läßt. Nun, meine herren Nollegen von der Universität Gießen, ich habe in Ihrem Namen und Auftrag gesprochen, hoffentlich doch auch in Ihrem Sinne. Erheben Sie die Gläser und noch mehr Ihre Stimme und rufen Sie mit mir: Unsere auswärtigen Gäste, ins⸗ besondere unsere lieben alten Kollegen, sie leben hoch!


