An den brausenden Gesang der Derse„Heil Dir im Siegerkranz“ und„Heil unserm Fürsten Heil“ schloß sofort die Verlesung der Kaiserlichen Depesche durch den Rektor. Der höchst ehrenvolle, stürmisch bejubelte Gruß Seiner Majestät hat folgenden Wortlaut:
Seiner Magnifizenz dem Rektor der Großherzoglich hessischen
Ludwigsuniversität, herrn Geh. Hofrat Professor Behaghel.
Telegramm aus Swinemünde,„Hohenzollern“, 151 W 1907, den 2. 8. um 8 Uhr 37 Min. v.
Der Großherzoglich hessischen Ludwigs⸗Universität entbiete Ich zu der heutigen, in Gegenwart ihres erlauchten Rector magnificentissimus stattfindenden Jubelfeier ihres dreihundertjährigen Bestehens Reinen haiserlichen Gruß und Glückwunsch. Seit ihrer Gründung durch Land⸗ graf Ludwig V. den Getreuen, hat die mit hervor⸗
ragenden männern der Wissenschaft reich begnadete Ludoviciana allzeit bereitwillig ihre Pforten den Angehörigen auch der übrigen Bruderstämme geöffnet und in fruchtbringendem Wirken dem deutschen Daterlande ausgezeichnete Diener des
Staates, der Kirche und der Wissenschaft zugeführt. Su ganz besonderer Freude gereichen Mir die guten Be⸗ ziehungen, welche zwischen der Universität und Meinem Regiment, dem tapferen hundertundsechzehner bestehen. Möge die altehrwürdige Hochschule auch in kommenden Jahrhunderten als eine segensreiche Stätte treuer deutscher Geistesarbeit blühen und gedeihen. Wilhelm, I. R.
In Beantwortung des Allerhöchsten Telegramms hat der Rektor der Candesuniversität folgendes Telegramm an Seine Majestät den Kaiser abgesandt:
Ew. Majestät wollen gnädigst genehmigen, daß ich namens der Ludoviciana in tiefster Ehrfurcht Dank sage für die gnädigen Beweise Kllerhöchster Huld, die Ew. Majestät der hessischen Landesuniversität bei ihrer dritten Jahrhundertfeier haben zuteil werden lassen.
Der Rektor: Behaghel.
Im Anschluß an die Verlesung der Naiserlichen Depesche hielt der Vertreter Sr. Majestät, Excellenz v. Eichhorn, General der Infanterie und Kommandeur des 18. Urmee⸗ kor ps, die folgende schwung⸗ und gedankenreiche Unsprache:
Königliche Hoheit! Durchlauchtigste Festversammlung!
Das ehrwürdige Alter der Ludoviciana ist es, das uns an diesem Tage festlich vereint hat, und doch dünkt es mich, meine Herren, ist es nicht ein Fest des kilters, das wir feiern, sondern ein Fest der Jugend, denn immer wieder verjüngt sich ja die Universität, in deren Tore in jedem Semester von neuem wissensdurstige Jünglinge einziehen. So steht die Uni⸗ versität in ewiger Jugend da; in alter Weisheit neue Er⸗ kenntnis gebend. So ist der heutige Tag recht ein Fest der Jugend deutschen Studententums. Neue Aufgaben warten Ihrer. Denn das ist Ihr Beruf, in Zukunft einst auf fast allen Gebieten das Führeramt des deutschen Volkes zu über⸗ nehmen. Dieser hohen Kufgabe entsprechen besondere Ver⸗ pflichtungen. Ein heiliges Feuer muß die Jugend durch⸗ glühen, in dem sie die geistigen Waffen schmiedet und das ihre Herzen erfüllt. Denn jede Generation muß sich von neuem das Rüstzeug für das Leben schaffen. Nur das be⸗ sitzt man, was man sich erringt und was man sich erarbeitet hat. Hier in diesem akademischen Kreise darf ich an das bekannte Wort des römischen Dichters erinnern:
Fortes creantur fortibus et bonis, Est in juvencis, est in equis patrum Virtus, nec imbellem feroces Progenerant aquilae columbam: Doctrina sed vim promovet insitam Rectique cultus pectora roborant.
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Hier, meine jungen Herren, ist das gesagt, was uns not tut: zu gemeinsamen Leben und Wirken, zu gemein⸗ samer Freude und Arbeit müssen sich die deutschen Männer erziehen. Drei Leitsterne müssen Sie auf Ihrem Lebens⸗ wege geleiten. Wahrheit, die die Wissenschaft sucht und die Sie in Ihrer ganzen Persönlichkeit ergreifen soll. Wahr⸗ heit in der Erkenntnis und Wahrheit im Handeln. Die Ehre, die den Ehrenschild blank hält und alles unlautere von sich weist, die Ehre, die in Ihrem eigenen Bewußtsein gegründet ist und nicht nach äußerem Schein verlangt, Ihrem Leben Zweck und Inhalt gibt. Endlich die Liebe zum Vaterlande, von dem der alte griechische Dichter sagt: „Des Menschen Liebstes ist ja wohl sein Vaterland, und keine Zunge spricht es aus, wie lieb es ist.“ Wir Kllten treten bald von der Bühne ab und Sie treten in die rena. Ihnen ge⸗ hört die Zukunft. Die Zukunft, in der Sie zu wirken berufen sind, wird keine leichte sein. Vielleicht schwerer als die Seit, die die jetzige Generation durchlebt hat; denn es gilt, unsere Stellung in der Welt zu behaupten und die inneren Gegen⸗ sätze zu überwinden, welche unsere Volkseinheit erschüttern und am letzten Ende zum Umsturz und zum Chaos führen müssen. Diese Aufgaben sind eng miteinander verknüpft. Die letztere ist schwerer als die erste. Es ist leichter, gegen äußere Gewalt zu kämpfen, als gegen Unverstand und Cüg e. Vor allem, meine jungen Herren, wahren Sie Ihren Idealismus gut, der zu höheren Dingen befähigt als der nüchterne Verstand. Aber nicht einen Idealismus, der sich schönen Träumereien hingibt und in Rührseligkeit verfällt: sondern einen Idealismus, der sich hohe Ziele steckt, einen gesunden Idealismus, der in dem Wahlspruch gerade der studentischen Jugend dieser Universität zum Ausdruck kommt: „armis et litteris ad utrumque parati“. Drum auch den Kampf nicht gescheut, von dem das Horazianische Wort spricht: 81 fractus illabatur orbis,
Impavidum ferient ruinae.
Wir Alten sehen getrosten Mutes in die Sukunft, die in Ihren Händen liegt. Mit sieghaftem Optimismus mögen auch Sie dereinst in das Leben hinaustreten, damit des Dichters Wort in Erfüllung gehe: 5
„Und es mag am deutschen Wesen Einmal noch die Welt genesen.“
In diesem Wunsche, in dieser Hoffnung ergreife ich den Becher und rufe:„Die studentische Jugend aller Hochschulen, die hier vertreten sind und die der Cudoviciana insbesondere, sie leben hoch!“
Die nächste Rede galt den akademischen Cehrern. Herr stud. jur. Abt(Darmskadtiae) sprach wie folgt: Ew. Königliche Hoheit! Rector Magnificentissime! Hochverehrte Professoren! Hochansehnliche Festversammlung!
Wenn ich mich des mir zuteil gewordenen ehrenvollen Auftrags entledige und unseren hochverehrten Professoren den Dank der Gießener Studentenschaft darbringe, so ge⸗ ziemt es sich wohl, zuerst in tiefster Ehrfurcht unseres Aller⸗ durchlauchtigsten Rectors magnificentissimus zu gedenken. Steht er doch als hochsinniger Förderer von Kunst und Wissen⸗ schaft dem idealen Streben unserer Landesuniversität als leuchtendes Vorbild stets vor Augen. Denn ihm verdankt unsere alma mater die Grundlage alles gedeihlichen und erfolgreichen Wirkens: die absolute Lehrfreiheit.— Zum dritten Male bereits als Rector magnificus steht an der Spitze des Lehrkörpers unser allverehrter Herr Geheimer Hofrat Behaghel. Seiner selbstlosen, aufopfernden Cätig⸗ keit ist in erster Linie der der Bedeutung dieses Festes würdige Verlauf zu danken. In unermüdlicher Fürsorge haben andere Professoren hierbei Se. Magnifizenz unter⸗ stützt, wofür auch ihnen hier der Dank der Gießener Stu⸗ dentenschaft dargebracht sei. der Tag, an dem wir das
4 Gedächtnis der Gründung unserer Ludoviciana erneuern,


