Ausgabe 
5.8.1907
 
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lenkt unseren Blick zurück in die Vergangenheit. Von kn⸗ beginn an haben an unserer Hochschule akademische Lehrer gewirkt, Leuchten ihrer Wissenschaft, die wahre Führer wur⸗ den der Jugend, die zu ihren Füßen saß. Dieselbe Be⸗ geisterung, die sie erfüllte, pflanzten sie in die Herzen ihrer Schüler, und so wurde die alma mater Ludoviciana die geistige Führerin des ganzen Landes, der ewig in gleicher Klarheit sprudelnde Quell der Kultur des Hessenvolkes. Und wie ehemals ist es noch heute. Als ernste Forscher im Dienste der hehren Wissenschaft und lauteren Wahrheit, als Lehrer der akademischen Jugend, wecken sie in unseren Herzen die Begeisterung für die Ideale des Wahren, Guten und Schönen. Als unsere Dorbilder erziehen sie uns zu charakterfesten Männern, die die auf der Universität gewonnene Bildung des Geistes und des Herzens auch im praktischen Ceben zu Taten befähigen wird. Diese geistigen Güter, die wir hier dankerfüllten Herzens von unseren Lehrern empfangen, wol⸗ len wir wuchern lassen, daß sie reichlich Früchte tragen im Dienste des Vaterlandes und unseres Volkes. Unser künf⸗ tiger Beruf, sei es im Dienste des Staates, sei es anderwärts, erfordert unsere ganze Hingabe, um teilzunehmen an der Arbeit für das soziale Wohl und um die überkommenen Güter unserer Kultur zu bewahren und zu mehren. Dieses hohe Siel haben uns unsere Professoren gesteckt. Ihre Hoffnung nicht zu täuschen und ihrer Lehre Ehre zu machen, ist unser aller Vorsatz. Den Gefühlen aber, die uns in dieser festlichen Stunde beseelen, den Gefühlen der Danhbarkeit gegen unsere akademischen Lehrer und dem festen Willen, unablässig unseren Idealen entgegenzustreben, geben wir Ausdruck, indem wir rufen: Die Lehrer der alma mater Ludoviciana, an ihrer Spitze unser Allerdurchlauchtigster Rector magnificentissi- mus leben hoch! hoch! hoch!

Nun dankte Seine Magnifizenz der Rektor mit folgen⸗

dem Trinkspruch auf die akademische Jugend: Kommilitonen!

Im Namen Eurer Lehrer sage ich Euch den herzlichsten Dank für den schönen begeisterungsvollen Gruß, den Ihr durch den Mund Eures Sprechers uns dargebracht habt. Unter den vielen liebenswürdigen Klängen, die in diesen Tagen an unser Ohr gedrungen sind, hat Euer Gruß für uns etwas besonders Beglückendes und Bedeutungsvolles. Ein deutscher Professor hat einmal bitter geklagt über sein unglückseliges Doppelleben, daß er zugleich Forscher und Lehrer sein müsse. Der das sprach, er war ein armer Mann; der Lehrer ohne den Forscher, er ist kaum besser als der Besitzer eines Warenhauses, der wahllos da und dort zusammen kauft, bald Gutes, bald Schlechtes seinen Kunden in die Hände gibt. Der Forscher, der nicht Lehrer ist, ihm entgeht der köstlichste Cohn für seine Arbeit, ihm fehlt der Raßstab, der wirksamste Stachel. Wenn Ihr leuchtenden Augs zu uns aufblickt, wenn Ihr abgespannt nach den Zeigern schaut, die endlos langsam weiter rücken, das ist eine Kritik hundertmal wahrer und unbestechlicher als die Weisheit der Zeitung und des Literaturblatts. Wer forschend sich einspinnt in seiner Klause, er braucht nur zu sagen, was er sagen mag. In der engsten Beschränkung mag er sein Glück finden. Ihr aber fordert, daß wir an allem teilnehmen; Ihr zwingt uns, daß wir unablässig weiter schreiten; nur dann ja können wir Euch helfen, neue Fragen zu stellen, neue Fragen zu lösen, wenn wir un⸗ aufhörlich selber die Fragen auf uns eindringen lassen. So danken wir's Euch, wenn wir nicht rasten und rosten, wenn wir jung bleiben bis zum letzten Atemzug. So dankt es Euch die Universität, wenn sie durch drei Jahrhunderte hindurch jung geblieben ist bis auf den heutigen Tag. Was wir zum Dank Euch wiedergeben, die Klarheit, die Reife des Alters, Ihr sollt es nicht eintauschen anstatt der Jugend; Ihr sollt jung bleiben, Ihr sollt tatenlustig hinein⸗ stürmen in das Leben, voll Begeisterung den Kampf Kämpfen, den wir selber einst gekämpft haben, und den

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wiedergeben:

niemand Euch abnehmen kann. Nur die Waffen können wir schärfen für Euch, Euch üben in ihrer Führung, und lächelnd ertragen wir's, wenn Ihr, durch uns befreit, die Waffen gegen uns selber kehrt, wenn Ihr hinwegschreitet über unser Können mit Eurem besseren Können. Das ist Euer Recht, das ist Eure Pflicht. In diesem Sinne wollen wir, geschmückt mit dem Palmenzweig des heutigen Festes, Arm in rm in das neue Jahrhundert hineintreten, so Gott will, einer schönen, großen Zukunft entgegen.

Ich bitte die ganze Korona, mit mir einzustimmen in den Ruf: unsere Gießener akademische Jugend, sie lebe hoch, hoch, hoch! i

Bald darauf erschienen die Chargierten aller studentischen Korporationen in einem langen, stolzen Zuge an der Ehren⸗ tafel, um einzeln mit dem hohen Ehrenpräsiden anzustoßen. Seine Königliche Hoheit wurde nicht müde anzustoßen und wieder anzustoßen, bis der letzte Vertreter vorbeigezogen war. Die kleine Szene bot ein besonders hübsches Bild und wird gewiß jedem Teilnehmer in der Erinnerung bleiben.

Die Reihe der Reden wurde fortgesetzt durch Herrn Oberbürgermeister Urecum, der die ehemaligen Lehrer und Schüler der Ludoviciana mit folgenden Worten begrüßte

Königliche Hoheit! Meine Herren!

Sie haben vorhin den schönen Vers gesungen:Der Philister ist uns gewogen meist. Da werden Sie mir, der ich heute abend hier die Philister offiziell vertrete, ge⸗ statten, daß ich das auch meinerseits bestätige. Ja, der Phi⸗ lister ist Ihnen gewogen; die nunmehr dreihundertjährige Ehe zwischen Universität und Stadt ist glücklich gewesen; und mag es auch hier und da einmal ein kleines häusliches Schmollen gegeben haben, es hat uns die Freude nicht trüben können! Wir wissen und haben stets gewußt, was uns die Ludoviciana bedeutet. Deshalb betrachten wir jeden, der ihr, sei es als Lehrer, sei es als Schüler angehört hat, als den Unseren, auch wenn das Leben ihn weitab von uns geführt hat; und wenn irgend etwas unsere Festesfreude erhöhen kann, so ist es die Tatsache, daß so viele aus weiter Ferne und nach langen Jahren den Weg hierher wieder gefunden und mit ihrer Hochschule auch unserer Stadt ihre Anhänglichkeit bewiesen haben. Mancher von Ihnen mag in diesen Tagen mit Wehmut gesehen haben, daß das alte Gießen nicht mehr ist, dessen Bild er im Herzen trug; er mag beklagen, daß damit ein Stück Poesie dahingeschwunden ist, und mit Trauer im Herzen mag er gedacht haben: o quae mutatio rerum! f

Wer aber unbefangen um sich blickt, wird sich nicht verhehlen, daß der Wandel, der sich hier vollzog, auch nötig war. Wohl sind die Spuren der Mauserung noch nicht ganz verwischt, und das Bild, das Sie jetzt von Gießen mitnehmen, ist nüchterner als das von den goldenen Fäden der Erinnerung umsponnene Bild Ihrer Jugend. Wir hoffen aber, Ihr Urteil wird sein, daß, wie die Ludoviciana sich zu ungeahnter Blüte entwickelt hat, es auch in unserer Stadt vorwärts gegangen ist.

Heute aber bitte ich Sie, mit mir in die Vergangenheit zurückzublichen. Mein Glas gilt den ehemaligen Lehrern und Schülern der Ludoviciana, die heute unter uns weilen. Sie leben hoch!

Dem deutschen Daterlande galt dann die begeisterte Rede des herrn stud. phil. Kracke(Arminiae), die wir ihrer beträchtlichen Länge wegen mit einigen Kürzungen

Hohe Festversammlung!

Manche Rede, manch prangendes Wort ist aus Anlaß unseres großen Festes erklungen aus bedeutenderer Redner Mund, als ich es zu sein vermag. Um ein Geringes nur will ich! der Worte und Reden Sahl vermehren. Sie lesen im Programm: Vaterlandsrede. Vaterland! ein Wort so oft gebraucht, am meisten wohl in der Seit, wo keines