Ausgabe 
5.8.1907
 
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vorhanden war. Konnte nicht einst Moritz Arndt fragen: Was ist des Deutschen Vaterland?

Wenn er auch wußte, was er damit bezeichnen wollte sein Cied bringt es zum Ausdruck, so waren andere, die das Wort anders verstanden, die es nur auf eine eng be⸗ schränkte Heimat anzuwenden gelernt hatten. Etwas über ein Menschenalter erst ist es her, daß für den Deutschen über das, was er unter Vaterland zu verstehen hat, kein Zweifel mehr sein kann: 187071, da fand das deutsche Volk seinen Staat.. heute kann man wohl vom deutschen Volk und deutsche Staat reden, es gab eine Seit, wo man das nicht konnte, nicht einmal erhoffen wollte; so meinte Goethe:Sur Nation Euch zu bilden, Ihr hofft es, Deutsche, vergebens. Kein deutsches Volk, nur deutsche Völker.

Wie es dem Einzelnen oft schwer fällt, sich als Glied eines Ganzen zu fühlen, Sonderinteressen den allgemeinen unterzuordnen, so muß das einer Mehrheit, einem Dolks⸗ stamm, noch viel schwerer fallen. Daher haben wir im Verlauf der deutschen Geschichte dies ständige Hin⸗ und Herwogen deutscher Stammesinteressen, daher die sprich⸗ wörtliche deutsche Sersplitterung. Bald braust, mächtig, wie verheerende Sturmflut deutsche Nation gegen alles Entgegen⸗ stehende, unwiderstehlich in ihrem einheitlichen Drang, bald wieder, wie im aufgewühlten Binnensee Woge gegen Woge anstürmt in rasendem Vernichtungskampf, kämpfen deutsche Stämme gegeneinander.

Ein Bewußtsein von Susammengehörigkeit war von jeher vorhanden bei den deutschen Stämmen, mehr als bloß der RKassenstolz, eine Art Nationalgefühl, wie wir heute sagen. So tritt es uns entgegen im Kampf der Germanen gegen Rom; Armins, des Fürsten der Cherusker Licht⸗ gestalt, wurde Befreier Deutschlands vom römischen Joch.

Kaum war die Gefahr überwunden, war die Flut des Römertums vom deutschen Grenzwall zurückgeebbt, da begann wieder die Eifersucht der Stämme untereinander, der Völker im Volk. Dem Kufschwung hatte die nachhaltige Kraft gefehlt, nur die negative Seite des Nationalgefühls, der Widerwille gegen das Fremde, war hervorgetreten.

Die Stürme der Seiten, die wir Völkerwanderung nennen, führen durch Europa; wir begegnen keiner so ge⸗ waltigen Außerung eines deutschen Nationalgefühls, wie der ersten, nur von außen her wird den Stämmen eine Ver⸗ einigung aufgezwungen, ein mächtiger Herrscher wie Karl der Große kann sie in gemeinsame Bahnen bringen, kann versuchen, aus den Völkern ein Volk zu machen. Doch für seinen Herrscherthron fand sich kein Nachfolger. N

Aus der Sertrümmerung seines internationalen Reiches ging dann eine Vereinigung der deutschsprechenden Stämme hervor. Aber in allmählicher Entwicklung treten die Stammes⸗ und Sonderinteressen hier wieder in den Vorder⸗ grund, und diese Richtung wird nun, wenn auch manchmal aufgehalten, ununterbrochen weiter verfolgt und führt zu vollständiger Auflösung des Reiches. Kein deutsches Reich war das gewesen, man nannte es das hl. röm. Reich deutscher Nation.

Doch diese Nation hatte ihre Eigenart, ihr National⸗ gefühl nicht verloren. War Armin der Befreier von römischer Herrschaft in staatlichem Sinne, so begann mit Luther die geistige Befreiung Deutschlands, denn abermals drohte römische Knechtschaft. Der Kampf, der schon Jahrhunderte lang vorbereitet war, kam da zum Ausbruch.

Kein erfreuliches Bild vom deutschnationalen Stand⸗ punkt aus bieten dann die folgenden Jahrhunderte der Geschichte. Der Deutsche hatte kein Vaterland, nur der

Preuße, der Bayer, der Hesse hatte seines. Wieder mußte

erst eine fremde Gewalt Einheitlichkeit in die Interessen⸗ richtungen bringen. Die Kriege der Revolution, die Befreiungskriege einten die deutschen Völker, sie machten dem Nationalgefühl Luft und gaben ihm Nahrung. Eine natio⸗ nale Begeisterung wurde entfacht, die nicht mehr zu ersticken

war, wenn auch dunastische und reaktionäre Verständnis⸗

losigkeit sie zu unterdrücken suchte. Die Geschichte der alten Burschenschaft erzählt genug davon.

Auf solchem Untergrunde konnte dann Bismarcks Werk gelingen, konnte ein deutsches Reich aufgebaut werden in gereinigter nationaler Form. Ob auch nicht alles erreicht ist, was hier zu wünschen wäre, so ist das deutsche Volk ihm doch Dank genug schuldig für das, was er getan.

Kommilitonen, unsere Sache ist es, dafür zu sorgen, daß, was erreicht, nicht verloren gehe, daß nie der Ruhm des deutschen Namens möge verdunkelt werden. Suchen wir den Bau, der begonnen ist, zu vollenden, daß spätere Geschlechter uns in gleichem Maße Dank schulden, wie wir denen, die uns vorhergegangen. Laßt uns gedenken der oft zitierten Worte unseres Schiller:Ans Vaterland, ans teure, schließ' dich an, hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft, und sorgen wir, daß auch außerhalb der B deutschen Landes die deutsche Nationalität gewahrt bleibe!

Ich komme zum Schluß. Kommilitonen, welche Gegen⸗ sätze auch unter uns herrschen mögen, seien wir Studenten, oder stehen wir im bürgerlichen Leben, darin wollen wir keine Gegensätze kennen: wenn es gilt, für Nation und Vaterland einzutreten!

Die Gäste feierte Herr stud. phil. Bär(Phil.⸗Hist. Ver.) wie folgt: i Königliche Hoheit! Hohe, ansehnliche Festversammlung!

Wir sehen zu unserer Freude an dem so zahlreichen Erscheinen der hochverehrten Gäste unserer alma mater Ludoviciana, daß unsere Jubelfeier auch außerhalb der Mauern Gießens und außerhalb des Bannkreises unserer Universität das tiefste Interesse erregt hat und als freudiges Ereignis der gesamten akademischen Welt empfunden wird. Seien Sie versichert, hochverehrte Festteilnehmer, unsere Cudoviciana hat sie zu Gast geladen, unsere Ludoviciana wird auch zu bieten suchen, was Sie zu finden hofften.

Zu höchstem Danke für ihr freundliches Erscheinen verpflichtet sind wir zunächst am heutigen Tage denen, die kein Opfer scheuten, die hohen Siele und Bestrebungen un⸗ serer alma mater Ludoviciana in die Wirklichkeit umzu⸗ setzen. Es sind dies zunächst die hochverehrten Herren Ver⸗ treter der Staatsregierung unseres engeren Vaterlandes. Allenthalben nimmt man den Ernst und die Liebe wahr, womit man an maßgebender Stelle das erfreuliche Empor⸗ 19 6 unserer Landesuniversität zu stützen und zu fördern ucht. 5

Durch ihre Anwesenheit haben uns außerdem hoch⸗ erfreut die herren Vertreter der beiden Kammern, die jeder⸗ zeit einen offenen Blick und ein warmes Herz gezeigt haben für die geistige Hochburg des Hessenlandes.

Möge es nun nicht etwa als einecaptatio benevolentiaea Ihnen gegenüber ausgelegt werden, meine hochverehrten Herren Bertreter des Finanzausschusses, doch dürfte zweifellos kein Balsam lindernder wirken als das segensreiche Walten des Finanzausschusses. Seien Sie uns daher, meine ver⸗ ehrtesten herren, wie sonst, so auch gerade heute am Jubel⸗ tage der Universität aus vollem Herzen willkommen.

Aber wie die Staatsregierung im großen Stile sorgt für das stete Blühen und Gedeihen unserer Ludoviciana, so stehen auch die geschätzten Herren Stadtverordneten der Stadt Gießen mit ihrem Oberbürgermeister nicht an letzter Stelle, wenn es gilt, der ihnen schutzbefohlenen Universität ein Opfer, und sei es das größte, zu bringen. Das glück⸗ verheißende Verhältnis zwischen Stadt und Universität muß es uns äußerst angenehm machen, die Herren des Stadt⸗ verordnetenvorstandes zu Gaste zu haben.

Herner danken wir den herren Vertretern des hiesigen Regiments, dem die studierende Jugend Gießens so manchen Soldaten stellt, daß sie der Einladung zu unserem Universitäts⸗ Jubiläum in freundlicher Weise Folge geleistet haben.

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