utrumque parati“. Jede nationale Bewegung hat unsere Studentenschaft aufs tiefste ergriffen und mitgerissen. Sie wird jederzeit wieder bereit sein, wenn der Ruf des obersten Kriegsherrn erschallt. Die Universitäten sind von jeher ein Hort nationalen ⸗Empfindens und ein Herd vaterländischer Bestrebungen gewesen, das kleine Gießen will hier hinter keiner seiner Schwestern zurückstehen.
Hierauf ergriff Oberst von Lindenau das Wort zu der Mitteilung, daß das Regiment 116 der Universität das Bild des Kaisers schenke für das Versammlungszimmer der Professoren, worauf der Rektor mit lebhaftem Dank ant⸗ wortete.
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Festakt in der Stadtkirche.
Dieselbe erlauchte Dersammlung, die gestern die neue Kula gefüllt hatte, fand sich heute wieder in der Stadt⸗ kirche zusammen, nur konnte in dem größeren Raume der Kreis der Teilnehmer sehr beträchtlich erweitert werden. Die klare übersichtliche Urchitektur des mit Unrecht kahl gescholtenen Baus wirkte im Schmuck der Tannengirlanden würdig und ernst. heute hatte auch unser akademischer Gesangverein unter der Leitung seines temperamentvolle Dirigenten Professor Trautmann Gelegenheit, sich in den Dienst der alma mater zu stellen, mit sicherer Kraft und großem Wohlklang sang er bei Beginn, in der Mitte und am Schluß der Feier drei stolz und wuchtig daherschreitende Chöre aus Brahms' Triumphlied. Su beiden Seiten des
Altars, im Gestühl der Konfirmanden hatten die Dozenten
und die Herren der Bibliothek ihre Plätze, in den vorderen Reihen des Schiffs saßen die Ehrengäste, in der vordersten vor dem Mittelgange die Großherzoglichen Herrschaften, die
wiederum von Rektor und Dekanen an der Tür der Kirche
empfangen und zu ihren Sitzen geleitet wurden.
Nachdem die mächtigen Klänge des ersten Thors aus Brahms' Triumphlied verhallt waren, bestieg Professor Her⸗ mann Oncken, den wir leider jetzt nach Heidelberg ziehen sehen, die hohe Kanzel, um die historische Festrede zu halten. Da dieselbe sofort als Tudwigsprogramm und im Buch⸗ handel erscheinen wird, können wir uns hier mit einer knappen Andeutung der Gedankengänge des Kedners, welcher nahezu 1½ Stunde lang die gespannte Aufmerksam⸗ keit der Festversammlung zu fesseln wußte, begnügen. Er ging aus von der Bedeutung der CTudoviciana als Landes⸗ universität. Ihre Gründung und ihre Weiterentwickelung sind mit dem Hessenlande und seinem Fürstenhause innigst verbunden, ja in den ersten Menschenaltern lassen Uni⸗ versitätsgeschichte und hessische Landesgeschichte sich kaum voneinander trennen. Und so ist auch die Jubelfeier kein häusliches akademisches Fest, sondern ein Fest des ganzen Landes.
Den territorialen Ursprung und die Bestimmung für die territorialen Bedürfnisse teilt Gießen mit fast allen an⸗ deren deutschen Universitäten, diese Faktoren haben geradezu den Typus der deutschen Universität gegenüber dem anderer Kulturländer bestimmt. Das ist kein Zufall, denn während eines Jahrtausends wird der Gang der deutschen Geschichte durch das Erstarken des staatlichen Lebens in den Cerri⸗ torien bei gleichzeitigem Erstarren und berlöschen der Zentralgewalt bestimmt. Unter den territorialen Gewal⸗ ten aber stehen bei der Begründung lebenskräftiger Univer⸗ sitäten die weltlichen Fürsten voran, weder geistliche Für⸗ sten noch freie Städte haben hier dauernde Erfolge zu erzielen vermocht. Unter den weltlichen Fürsten nun sind wieder die stärksten zuerst und am erfolgreichsten als Universitäts⸗ gründer tätig. So ist denn auch der mächtigste hessische Fürst, er der Großmütige, in gewissem Sinne der erste Ahnherr der Ludoviciana, denn sie wollte bei ihrer Gründung
an der lutherischen Lehre hing.
verbunden.
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nichts anderes sein, als die legitime Erbin der 1527 ge⸗ stifteten Philippina in Marburg.
Philipps Gründung steht schon unter dem Seichen der Reformation, die plötzlich dem Staate weite Gebiete des geistigen Lebens zuwies, die bis dahin wesentlich der Hirche gehört hatten. Die Universitäten als Bildungsstätte für ihre Geistlichen, Lehrer und Beamte wurden der territorialen Politik der Fürsten unendlich wichtig und sie setzten alles daran, diesen Quell geistigen Lebens rein zu erhalten und zu bewachen. Als sich dann die dogmatischen Gegensätze immer mehr verschärften, wurden die Universitäten als Träger der reinen Lehre auch zu einer hochwichtigen Ge⸗ wissensangelegenheit für die Landesherren. kus diesem Geiste heraus sind die Streitigkeiten zu begreifen, die unter
Philipps Enkeln nicht um Land und Leute allein, sondern wor allem um die Universität Marburg ausbrachen.
Landgraf Philipp selbst hat durch seine unglückliche Erb⸗ teilung diesen Streit heraufbeschworen. Er teilte sein Fand unter seine vier Söhne mit starker Bevorzugung der ältesten Linie, die Univerfität aber sollte gemeinsamer Besitz sein. Nach dem baldigen Erlöschen der beiden mittleren Linien blieben Hessen⸗Cassel und Hessen⸗ODarmstadt allein übrig, und sie vermochten es nicht, sich in Frieden über die Marburger Erbschaft auseinanderzusetzen. Moritz von Cassel, verschwen⸗ derisch begabt, aber unstät, neigte dem Calvinismus zu, während der bedachtsam zähe Ludwig von Darmstadt fest Damit waren zugleich Gegensätze der Reichspolitik gegeben, die Calvinisten ar⸗
beiteten in der Union an der Sprengung des alten Reichs⸗ verbandes, während die lutherischen Fürsten an Kaiser und
Reich in Treue festhielten.
Als Moritz die Marburger Universität 1605 in calvi⸗ nistischem Geiste umzubilden begann, nahm Ludwig die ver⸗ triebenen Theologen auf und gründete mit lebhafter Zu⸗ stimmung der lutherischen Geistlichkeit seines Landes in Gießen 1605 ein gymnasium illustre, das 1607 am 9/19. Mai nach Einholung des Kaiserlichen Privilegs zur vollen Universität wurde. So ist Gießen eine der letzten Universi⸗ täten, die unter dem Seichen des alles geistige Leben
bestimmenden Vonfessionalismus gegründet sind, Luthertum
und hessen⸗darmstädtisches Interesse waren dabei aufs engste Patriarchalische Verbindung mit dem Fürsten⸗ haus und heftige Gegnerschaft gegen die Calvinisten bilden in der ersten Zeit die Kennzeichen der Ludoviciana. Dieser Gießener Geist blieb sich auch gleich, als die Hochschule 1625 nach dem vom KNaiser seinem kinhänger Ludwig zugesproche⸗ nen Marburg verlegt wurde, mit Recht rechnet man diese 25 Marburger Jahre doch der Ludoviciana zu. Das neue Gießen von 1650 an hat sich beschieden, allein den hessen⸗ darmstädtischen Landen zu dienen, zunächst im Zinne des alten lutherischen Konfessionalismus. Aber dann hat in der theologischen Fakultät, die noch immer vorherrschend blieb, der Geist der Spenerschen Bewegung früher als in irgend einer anderen deutschen Hochschule Aufnahme gefunden, und um die Wende des 17. und 18. Jahrhunderts ist der Pietis⸗ mus mit seiner Verinnerlichung des religiösen Lebens, seiner Erweichung der starren Dogmen, aber auch mit seiner Nei⸗ gung, die Erbauung vor die Studia zu stellen, bestimmend für die ganze Universität. Noch einmal wurde er von einer matteren Form der Orthodoxie abgelöst und dann mußte diese der Aufklärung weichen, die auch das patriarchalische Verhältnis von Landesherr und Universität veränderte. An⸗ dere, literarische Interessen wurden in Darmstadt am Hofe der großen Landgräfin Karoline maßgebend— es waren
die Jahre, da auch Goethe von dem nahen Wetzlar oft nach Gießen herüber kam. Der Fürsorge des aufgeklärten
Fürstentums für die wirtschaftliche Wohlfahrt des Landes entsprang 1777 die Gründung einer fünften ökonomischen Fakultät, deren Fächer auch nach Aufhebung ihrer Sonder⸗ stellung der Universität erhalten blieben. So stehen bis
heute auch die wirtschaftlichen Bedürfnisse des Landes zu
der Candesuniversität in besonders enger Beziehung.


