Ausgabe 
3.8.1907
 
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Als dann das alte Reich zusammenbrach, und Hessen gleich den anderen Staaten des südlichen und westlichen Deutschlands in die Gefolgschaft des Kheinbundes und unter die Fahnen des französischen Imperators gezwungen wurde, da wurde der für Gießen charakteristische Mann, Crome, einer der entschiedensten Bonapartisten in der deutschen Wissenschaft und Publizistik. Aber die Umkehr kam bald, und die akademische Jugend war es, die von dem durch das Volk wehenden Sturm der Befreiung zuerst ergriffen wurde. Wie jubelten sie Blücher zu, als er an der Spitze des Heeres einzog und in der Universitätsaula zu ihnen sprach, wie freudig zogen sie in den Kampf, als wenige Wochen später auch der Landesherr zur deutschen Sache übertrat und den Aufruf zur Bildung freiwilliger Jäger erließ. Nach dem Hbschluß des Krieges stieß die deutschnationale Begeisterung der Studentenschaft, die in der deutschen Burschenschaft ihren reinsten Ausdruck fand, hart zusammen mit dem alten Bona⸗ partismus, und die wachsende Enttäuschung über den Aus⸗ gang der deutschen Sache trieb gerade hier in Gießen die Jugend in einen republikanischen Radikalismus hinein, der bald in hellem Wahnwitz das Verhängnis einer volksfeind⸗ lichen Reaktion beschleunigen sollte. Trotz aller Irrungen dürfen wir uns aber heute der starken Gefühle freuen, die sich in diesen Jahren wieder ans Licht rangen.

In der Hauptsache ging fortan die wissenschaftliche Ar⸗ beit an der Universität ihren weg unberührt von der politischen Entwicklung des engeren und des weiteren Dater⸗ landes. Das Glück, welches den meisten deutschen Univer⸗ sitäten einmal geworden ist, bahnbrechend voranzugehen

und mit dem Glanze großer Namen ihren Schwestern die

Wege zu weisen, hat der größte aller Gießener Professoren,

Justus Liebig, auch unserer Hochschule für ein Menschenalter hindurch verschafft. Indem er von Entdeckung zu Entdeckung schritt, hat er die induktive Methode in den Unterricht ein⸗

geführt und das chemische Studium in einer Weise organi⸗ siert, die an deutschen und ausländischen Universitäten vor⸗ bildlich geblieben ift. Auch die alten Disziplinen, die einst den Geist der Universität gelenkt hatten, haben unter dem Einfluß der entwicklungsgeschichtlichen Betrachtungs⸗ weise ihr Antlitz und ihr Wesen verändert. Das gilt von der Jurisprudenz, wie Ihering sie in seinem Geist des römischen Rechts auffaßte, und von der Theologie, seit Stade sie auf

neue Wege führte.

Die Gegensätze, die äußerlich und innerlich die Geschichte der Ludoviciana durchzogen, sind seit dem letzten Menschen⸗ alter in einer höheren Einheit und Harmonie aufgehoben. Territorialismus und Keichsinteresse bekämpfen einander nicht mehr; immer aufs neue empfinden wir, welchen Segen die einst politisch verhängnisvolle Territorialisierung des alten Reichs der Vielfältigkeit unserer höchsten Bildungs⸗ anstalten gebracht hat, und wir freuen uns, daß der bundes⸗ staatliche Charakter unseres Reichs die Erhaltung ihrer Sonderart auch weiterhin verbürgt.

Der Redner schließt mit einem Ausblick auf die neuen Aufgaben, die die Zukunft dem Gesamtleben unseres Volkes und damit auch den Hochschulen bringen wird. Das alte Losungswort der Ludovicianaarmis et litteris ad utrum- que parati muß auch von ihrer zukünftigen Arbeit gelten, nicht in dem alten buchstäblichen Sinne, aber Erkenntnis und Forschung und Treue in der Arbeit, das sind die Waffen, die wir blank und scharf zu erhalten haben, damit wir Deutsche auch mit diesem Rüstzeug vor den Völkern bestehen.

Hiernach betrat Se. Magnifizenz die Kanzel zu folgender Ansprache, welche den zweiten Akt der heutigen Feier, die Ehrenpromotionen, einleitete:

Mitten in dem realen Leben des modernen Staates erhebt sich als unsichtbare Nacht der Freistaat der wissen⸗ schaftlichen Welt. Ein seltsam Gebilde dieser Staat, ohne feste Verfassung, ohne den Stufenbau amtlicher Gewalten, ohne den Unterschied von Gebietenden und Gehorchenden.

Wer in diesem Staat über andere hervorragt, er tut es nicht als Sprößling alter Geschlechter, er dankt es nicht der Ernennung durch Kaiser oder König, oder der Wahl durch die Massen; er dankt es der eigenen Uraft, und seiner hoheit kann von außen nichts zugetan, nichts weg⸗ genommen werden. Solche Männer, sie spenden ihren Segen, ohne auszuschauen nach Gunst oder Dank. Aber, die diesen Segen empfangen, ihnen ist es dennoch Bedürfnis, laut in die Welt hinauszurufen: Ihr habt nicht umsonst gelebt, es der stumpfen Welt zu verkünden, das sind Eure Helden, zu denen schaut auf in Andacht und Ehrfurcht. Wertvolle Worte der Anerkennung, köstliche Gaben der Teilnahme, der werktätigen Hilfe sind uns in diesen Tagen entgegen gebracht worden. Dankbar freuen wir uns dessen. Aber wir empfinden es als teure Pflicht, selbst denen zu danken, deren Geist unseren Pfad erhellte, deren Arbeit die unsrige förderte und stützte; treu altem, schönem Brauch wollen heute unsre Fakultäten das einzige geben, was sie geben können; sie wollen sich selber ehren, indem sie jene Förderer und Mitarbeiter bitten, die höchsten akademischen Würden aus ihrer Hand entgegen zu nehmen.

Es ist eine bedeutsame Runde von Geistesgrößen, an die die Fakultäten heute mit solcher Bitte herantreten. Aber eine Promotion darf heute vollzogen werden, die für unsere Cudoviciana eine Ehrung darstellt von ganz einziger Art, eine Promotion, die weit hinausführt über die gewohnten Bahnen des akademischen Lebens und die dennoch heil uns! im Kreise derer bleibt, die zu uns in den engsten Beziehungen stehen.

Die Philosophische Fakultät hat beschlossen, die Würde eines Doktors der Philosophie ehrenhalber zu verleihen:

Seiner Königlichen Hoheit dem Großherzog

Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein, unserem erlauchten Rector magnificentissimus, und Seine Königl. Hoheit der Großherzog will die Gnade haben, diese Würde entgegenzunehmen. Ich bitte den Herrn Dekan der philosophischen Fakultät, die Verkündigung dieser Promotion vorzunehmen.

Hierauf verlas der Dekan, Herr Professor König, das Doktordiplom, welches folgenden Wortlaut hat:

Tief durchdrungen von der Bedeutung der Kunst und des künstlerischen Empfindens für die Erziehung unseres Volkes haben wir, die philosophische Fakultät der Groß⸗ herzoglich Hessischen Landesuniversität, beschlossen zur Feier des dreihundertjährigen Bestehens unserer Hochschule un⸗ sern Allergnädigsten Landesherrn und Rector Magnificentissimus, den verständnisvollen und un⸗ ermüdlichen Förderer aller idealen Bestrebungen in unserm hessischen Vaterlande, den kunstbegeisterten Fürsten, der freien Geistes und unbefangenen Urteils durch Berufung hervorragender Kräfte Seine Hauptstadt zum Mittelpunkt einer neuen künstlerischen Entwickelung gemacht und eine Fülle fruchtbarer, künstlerischer Anregungen in Seinem Lande ausgestreut hat,

geine Fönigliche Hoheit den Großherzog Ernst Ludwig von Zessen und bei Bhein ehrenhalber zum Doktor der Yhilosophie zu ernennen.

Dessen zum Seugnis ist diese Urkunde ausgestellt, mit dem großen Siegel der Universität versehen und von Rektor und Dekan unterschrieben worden.

Gießen, am 2. August 1907.

Der Rektor: Behaghel⸗

Der Dekan: König.