Ausgabe 
3.8.1907
 
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Die übrigen Ehrenpromotionen vollzogen die Dekane in der historischen Reihenfolge der Fakultäten. Es begann Herr Geh. Kirchenrat Krüger wie folgt:

Die theologische Fakultät hat erst vor wenigen Jahren eine größere Zahl von Promotionen vollzogen. Die Ge⸗ dächtnisfeier der Geburt Landgraf Philipps des Großmüti⸗ gen im Jahre 1904 gab ihr willkommenen Anlaß, sich im Kreise der hessischen Geistlichen nach Männern umzuschauen, die würdig sein möchten, mit der höchsten, von einer Fa⸗ kultät zu verleihenden Ehrung ausgezeichnet zu werden.

Das Fest, das wir heute begehen, ist ein im besonderen Sinne akademisches Fest, und dabei die Ukademiker zu ehren, liegt uns vor allem am Herzen. Aber auch diesmal hat sich die Fakultät es nicht versagen mögen, der Hessen zu gedenken, die, im praktischen Amte stehend und von seinen Forderungen voll in Anspruch genommen, doch Fühlung halten mit der Wissenschaft und ihr mit ihrer Arbeit zu dienen suchen. Ich promoviere zu Doktoren der Theologie Karl Weber, Pfarrer in Lich,

Johannes Waitz, Pfarrer der Martinsgemeinde in Darmstadt, jenen als den gründlichen und feinsinnigen Nenner der Humnologe und der Liturgik, diesen als den scharffinnigen und anregenden Forscher auf dem Gebiet der altkirchlichen Literatur.

Die an den evangelisch⸗theologischen Fakultäten noch immer zu Recht bestehende Sitte, für die Bekleidung des akademischen Lehramtes im weiteren Sinn den Besitz des Grades eines Lizentiaten der Theologie für ausreichend zu halten, die Würde eines Doktors der Theologie aber in der Regel erst den Inhabern eines ordentlichen Cehramtes inner⸗ halb einer Fakultät zu übertragen, hat vielfach die Folge, daß verdienten Gelehrten, denen aus irgend einem Grunde ein solches Lehramt noch versagt geblieben ist, der Schmuck der höchsten akademischen Würde allzulange vorenthalten blieb. Wir haben aus der Sahl dieser Gelehrten zwei her⸗ ausgehoben, denen wir den Soll unserer Hochachtung dar⸗ zubringen besondere Veranlassung zu haben glauben: den außerordentlichen Professor der Theologie an der Universi⸗

tät Kiel i ö Lic. Albert Eichhorn, den gedankenreichen Fragensteller, Anreger und Pfadfinder, den selbstlosen Berater der religionsgeschichtlichen For⸗ schung; den außerordentlichen Professor der Theologie an der Universität Göttingen Lic. Dr. Rudolf Otto,

der, in historischer Forschung wohl bewandert, durch Kennknis der Naturwissenschaft der Gegenwart ausgezeichnet, natu⸗ ralistischer Weltansicht gegenüber die religiöse zu behaupten wußte. a

Handelt es sich bei der Promotion der genannten Aka⸗ demiker um einen Akt ausgleichender Gerechtigkeit und ver⸗ dienten Anerkennung, so ist doch diese Jubelfeier vor allem geeignet, den Dank zum Kusdruck zu bringen, den wir den Männern schulden, die, obwohl Nichttheologen, unsere Wissenschaft in hervorragender, oft bahnbrechender Weise gefördert haben. Die Fakultät erinnert sich am heutigen Tage gerne daran, was die Leistungen der Geschichtswissen⸗ schaft, insbesondere der Religionsgeschichte, auch für ihre Arbeit bedeuten. Und dabei darf unser Blick der Grenz⸗ pfähle nicht achten, die die Völker scheiden. Daß die Wissen⸗ schaft international ist, muß auch in diesen Ehrungen zum Husdruck kommen, die ihre berufenen Vertreter verteilen.

In unserem Vaterlande hat die klassische Altertums⸗ wissenschaft seit längerer Zeit an der geschichtlichen Er⸗ forschung religiöser Probleme lebhaften Anteil genommen, und es il ihr gelungen, dabei neue Wege zu zeigen und selbst zu gehen, die der cheeologischen Fachwissenschaft zu erschließen kaum gelungen wäre. Neidlos begrüßen wir die Bundesgenossen, wo sie sich selbst das Verständnis bewahrt

haben für die Reinheit und Höhe des Christenkums, als der Blüte aller religiösen Entwicklung und es als solche freudig anerkennen.

Darum promoviere ich den ordentlichen Professor der klassischen Philologie an der Universität Breslau,

Paul Wendland, der aus der Fülle seiner Gelehrsamkeit die Beziehungen der hellenistisch⸗römischen Kultur zu Judentum und Christen⸗ tum bahnbrechend untersucht und in neue Beleuchtung gerückt hat.

Unter den Ausländern gedenken wir an erster Stelle des Nestors unter den Gelehrten englischer Zunge

Dr. henry Charles Lea in Philadelphia, des ausgezeichneten Forschers auf dem Gebiet des mittel⸗ alterlichen Ablaßwesens und der Inquisition, und schließen ihm einen jüngeren Gelehrten an:

Frederick Cornwallis Conybeare, ehemaligen Fellow des Universitn College in Oxford, Fellow der British Hlcademn, Officier d'Hcademie, Mitglied der Ar⸗ menischen Akademie in Venedig, den gelehrten Kenner, den verdienstoollen Ausleger und Übersetzer der altchristlichen armenischen Literatur.

Aber auch unseren Nachbarn jenseits des Rheins ent⸗ bieten wir unsern akademischen Gruß. In dem Bewußtsein, damit auch an unserem Teil der Einigung der Völker im Ringkampf um die höchsten Güter der Renschheit zu dienen, verleihen wir die Würde eines Doktors der Theologie zwei französischen Gelehrten, deren Name weit über die Grenzen Frankreichs bekannt geworden ist: dem Professor der Re⸗ ligionsgeschichte am College de France

Jean Réville, dem verdienstvollen herausgeber der Revue de Phistoire des Religions, dem feinfühligen und formsicheren Darsteller der zellenistischen Religion, dem ausgezeichneten Erforscher früh⸗ christlicher Einrichtungen und Vorstellungen, und dem Pfarrer Paul Sabatier, Doktor der Universität Oxford, Mitglied der Accademia dei

Lincei, Ehrenbürger von Assisi, dem glänzenden, kunstreichen Darsteller des Lebens des hl. Franziskus, dem glücklichen

Finder und scharfsinnigen Ausleger neuer, für die Kenntnis des Heiligen und seines Ordens wichtiger Quellen, dem lief⸗ lichenden und unparteiischen Betrachter der schweren kir⸗ Kenpolitischen Kämpfe im gegenwärtigen Frankreich.

Die Geschichtswissenschaft erleuchtet mit ihrer Fackel die vielfach verschlungenen Pfade vergangener Zeiten. Wir gedenken auch der Gegenwart und schauen in die Zukunft. So freuen wir uns der Genossen im Kampf um die Welt⸗ anschauung und für die Erhaltung freien unabhängigen Sinnes an unseren hochschulen. Wir bringen ehrfurchts⸗ vollen Dank dem reifen kilter, freudig aufmunternden Gruß der kühnen Jugend entgegen. So promoviere ich zum Schlusse dieser feierlichen handlung: den ordentlichen Pro⸗ fessor der Philosophie an der Universität Berlin

Dr. Friedrich paulsen, den tapferen und gerechten Forscher, den gütigen und ehr⸗ ürdigen Lehrer, den fruchtbaren und einflußreichen Schrift⸗ eller, den besonnenen Freund und Förderer der evangeli⸗ en Kirche, Theologie und Schule, endlich den Lizentiaten er Theologie ü

Friedrich Michael Schiele in Tübingen, den wirksamen Kenner deutschen Glaubens und deutscher Denker, den umsichtigen Beobachter der christlichen Gegen⸗ wart, den treuen Freund der protestantischen Volksschule, den schlagfertigen Kämpfer für freie Wissenschaft an den theologischen Fakultäten deutscher Hochschulen.

Den neuen Doktoren nah und fern und uns allen rufe ich die alten Worte zu: Wir können nichts wider die wahr⸗ heit, sondern für die Wahrheit. Die Wahrheit wird uns frei machen.

S.