Ausgabe 
2.8.1907
 
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unseren Straßen; davon zeugt der jubelnde Zuruf, der den rector magnificentissimus und die akademischen Bürger umbrauft! Und der Glückwunsch, den ich namens der Stadt Gießen der Ludoviciana darzubringen habe, wandelt sich von selbst zum Ausdruck des Dankes für das, was uns die Universität in drei Jahrhunderten gewesen ist. 5

Ich denke dabei nicht so sehr daran, daß die wirt⸗ schaftliche Blüte unserer Stadt zum großen Teil von dem Gedeihen der Universität abhängig ist, obwohl es sich ziemt, in dieser festlichen Stunde auch davon nicht zu schweigen; ich denke an den Glanz und die Bedeutung, die die Fochschule unserer Stadt weit über ihre Größe hinaus verleiht; ich denke vor allem an den Dienst, den sie der Entwicklung eines kraftvollen, selbstbewußten Bürgertums geleistet hat. Die jahrhundertelange Gewöhnung an die Achtung vor geistiger Arbeit, die große Gemeinschaft, in die unsere Hochschule sich einreiht, haben unserer Bürgerschaft die Kraft gegeben, sich zu erheben über die gebundene Enge des Cebens in einer kleinen Stadt. Wo sich hier frisches, eigenes Leben regt, auch abseits von den Bahnen der Universität, da wird es leicht sein, die feinen Fäden zu finden, die herüber und hinüber leiten; und wo unserer Stadt etwas Großes und Bedeutsames gelungen ist, da trägt es die Seichen treuer Mitarbeit der Universität und ihrer Glieder.

Der Dank, den wir dafür schulden, läßt sich in Worte nicht fassen. Um ihm aber einen sichtbaren Ausdruck zu verleihen, hat die Stadtverordneten⸗Versammlung beschlossen, ein Stipendium von 20000 Mark zu errichten, dessen Er⸗ trag alljährlich einem Studierenden unserer Hochschule zu gut kommen soll, und weiter der Universitätsbibliothek 5000 Mark zur Verfügung zu stellen zur Ergänzung ihres Bücher⸗ bestandes aus den Gebieten der Volkswirtschaft, des Staats⸗ und Derwaltungsrechts, der sozialpolitischen Wissenschaften und der Technik.

Sollten diese Gaben Zeugnis ablegen, daß wir die Jubelfeier der Cudoviciana als unser eigenes Fest betrachten, so wollen wir damit sagen, daß wir ihre Zukunft von den Wünschen für die Entwickelung unserer Stadt nicht zu trennen wünschen.

Möge sie allezeit der Stolz und die Freude unserer Stadt bleiben; möge sie hier aber auch stets einen Sitz finden, der ihrer würdig ist und ihr die Freiheit gibt, zu wirken und fortzuschreiten zum Besten der Wissenschaft und zum Segen unserer Heimat!

Ihm erwiderte der Rektor:

Hochgeehrter Herr Oberbürgermeister!

Wir danken Ihnen herzlich für die treue Freundschaft und Teilnahme, die Sie im Namen der Stadt Gießen uns heute bekundet haben. Wir sind hocherfreut, nicht bloß Sie selbst, sondern auch den ganzen Kreis der Stadtverordneten hier begrüßen zu dürfen. Am liebsten hätten wir die ganze Stadt um uns versammelt, denn wir wissen, wie anteilvoll Sie alle miterleben, was uns auch widerfahren mag. Gießen ist ja keine Stadt, die mit der Universität steht und fällt. Es ist eine Stätte alter Kultur, ein uralter Knotenpunkt des Völkerverkehrs. Kelten und Dorkelten haben hier gesessen oder vielmehr droben auf dem Trieb, wenn auch keine Könige begraben liegen in Königshügeln. Römische Faust hat dicht herangereicht; Einfälle von Norden und Gsten haben sich merkbar gemacht. Es erwächst die mittelalter⸗ liche Burg; die neue Seit hat Gießen zur Stätte des regsten Bürgerfleißes und Unternehmungsgeistes gemacht. Trotzdem haben wir das Gefühl, als ob von Urbeginn unsere Hoch⸗ schule verwachsen sei mit dem Leben der Stadt, als ob, wer nach 3000 Jahren uns aufgräbt, dicht nebeneinander in Stein verwandelt finden müsse so die Sigarre wie die farbige Mütze und den Katheder der Professoren. Gleich in den ersten Seiten hat die Stadt die werdende Hochschule aus ihren Mitteln unterstützt, mit einer Summe, die mit Hinsen und Sinseszinsen heute in die Millionen gehen würde. An der Stätte, wo einst würdige Ratsherren feierlich tagten,

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durften die Sprüche professoraler Weisheit erklingen. Und später, als neue Ordnungen dem Gemeindewesen größere Freiheit der Bewegung gewährten, sind wir vielfältig Schuldner der Stadt geworden. Mehr als eine unserer Lehr⸗ anstalten steht auf dem Grund, den die Stadt geschenkt hat. In der alten Wasserburg hat sie ein neues Heim geschaffen für den Geschichtsverein, der nach Geist und Wesen eng mit der Universität verknüpft ist. Geistvolle und hochsinnige Bürger spenden, was unserer Wissenschaft neue Unterlagen, wertvolle Förderung bietet, oder sind selber forschend tätig. So manches Mal gehen Bürger und Gelehrte Hand in Hand, um Gemeinnütziges zu fördern. Manch einer von uns darf mitraten in dem hohen Nat dieser Stadt, und das mächtige Werk, das gerade jetzt gedeiht im Dienste der Gesundheit, es ist nicht zum mindesten getragen von dem Gedanken unseres Gaffky.Unsere Studenten, so erklingt es nicht bloß von dem Munde des Akademikers, sondern auch von den Lippen des Stadtvaters, des Handwerkers, der lieblichen Jungfrau. Was so seit langem uns eint, es hat erneuten KHlusdruck gefunden in diesen festlichen Tagen. In überreicher Weise haben Sie uns heute beschenkt; in un⸗ verdrossener Hingabe haben die Bürger Ihrer Stadt mit uns gearbeitet an der Vorbereitung dieses Festes. Und wenn vor 200 Jahren zur Errichtung einer Ehrenpforte bei den Studenten gesammelt werden mußte, so haben Sie selber heute unsere Wege festlich heiter geschmückt. Tief empfinden wir die Verpflichtung, die uns all das auf⸗ erlegt; möge es uns vergönnt sein, dem Dank des Herzens je und je durch Taten Kusdruck zu verleihen.

Die Glückwünsche des Gymnasiums überbrachte Herr Direktor Dr. Hensell:

Der Redner spricht namens der höheren Lehranstalten von Gießen, der höheren Mädchenschule, des Real⸗Gum⸗ nasiums wie der Gberrealschule und des Gymnasiums die herzlichsten und wärmsten Glück⸗ und Segenswünsche aus. Die Anstalten fühlen sich nicht nur durch die heimatlichen Bande mit der Landesuniversität verknüpft, sondern sind auch für sie von tiefen Gefühlen freudiger Dankbarkeit beseelt für den mächtigen Strom geistiger Anregung, der sich befruchtend über das Geistesland ergossen hat, das die vier Anstalten an ihrem bescheidenen Teile im Dienste der Menschheit sich zu bestellen bemühen. Eim längsten über das Gymnasium. Es konnte, gemeinsam mit dem Gym- nasium illustre, im Jahre 1605 von einem weitaus⸗ schauenden Fürsten gegründet, die Entwicklung der Hoch⸗ schule aus dem bescheidenen Samenkorn zu dem stolzen Bau verfolgen, als der sie jetzt vor unsern Augen dasteht. Drei Jahrhunderte sind beide Unstalten nebeneinander her und miteinander gegangen, nicht immer als dieselben. Die Ludoviciana hat sich in ihnen gewandelt, gewandelt auch das Gymnasium. Sein Weg geht nicht mehr allein nach Griechenland und Rom, er führt über Rom und Griechenland nach unserem eigenen VDaterlande. Will man ihm in unserer erwerbgierigen Seit unter Verkennung be⸗ deutungsvoller Imponderabilien auch noch diesen Weg ver⸗ legen, dann möge die alma mater dem gefährdeten Genossen zu Hilfe eilen und schützend ihre starke Hand über ihm halten in der Erinnerung an eine große, ideelle Werte schaffende Ver⸗ gangenheit und in weiser Fürsorge für die eigene Fukunft. Sum Schlusse der Wunsch, daß die Ludoviciana bleiben möge, was sie war, ein Hort unbeschränkter Geistesfreiheit und eine Pflegestätte ernsten wissenschaftlichen Forschens und Strebens und echten, warmen vaterländischen Sinnes.

Als Zeugnis der innigen Verbindung von Gymnasium und Hochschule nimmt der Rektor die warmen Worte des Gymnasialdirektors freudig entgegen. Beide Anstalten haben in ihren Anfängen ein gemeinsames Leben geführt, beide haben unlösliche Beziehungen geistiger Art. Das Gymnasium schafft den Unterbau für unsere Arbeit, wir stehen zu ihm

im engsten Verhältnis von Geben und Nehmen. Beiden An⸗