Im Namen und Auftrag der Akademien der Wissen⸗ schaft von Göttingen, Leipzig, München, Wien und Berlin diese ich zu sprechen und die allerherzlichsten Glückwünsche
ieser Akademien der Ludoviciana darzubringen. Den Universitäten und Akademien gemeinsam ist die Pflege der Wissenschaft anvertraut. Warum es noch zwei sind, warum es zweckmäßig ist, daß Akademien neben Universitäten be⸗ stehen, darüber zu sprechen wäre nicht zweckmäßig. Jie sind beide da und sie haben ein und dieselbe Kufgabe, die Pflege der Wissenschaft. Aber die Universitäten haben dar⸗ über hinaus noch eine zweite Aufgabe. Sie sollen die Jugend in die Wissenschaft einführen, der Jugend Wissen⸗ schaft lehren. So ist es nicht immer gewesen. Beamte, tüchtige Beamte auf Grund einer festen Lehrtradition dem Staate und der Kirche zu schaffen, das ist immer ihre Auf⸗ gabe gewesen; aber die Jugend einzuführen in die Wissen⸗ schaft und die Forschung, sie wirklich vor die Probleme zu stellen, die Aufgabe ist noch nicht so alt. Und daß die Universitäten diese Aufgaben im Laufe des 18. Jahrhunderts übernommen haben, ist nicht ganz ohne Einfluß der KHka⸗ demien gewesen. Aber darüber zu sprechen, wäre auch nicht zweckmäßig. Vor die Wissenschaft die zukünftigen Beamten in Kirche und Staat zu stellen, mit der Über⸗ zeugung, daß nichts verloren ist, sondern alles gewonnen ist, wenn wir sie in allen Zweifeln, in allen Fragen, in dem ganzen Chaos hin und her geworfen haben. Denn leider ist die Wissenschaft nicht in der Lage, nur beantwortete Fragen zu stellen, und manchmal ist es ein richtiger Hexen⸗ sabath von Fragen. Warum dürfen wir das und müssen wünschen, daß ebenso die Universitäten dies fortsetzen? Weil neben der Erschütterung, die hier der Jugend bevorsteht, ihrer einer Fesligung harrt, indem sie zum Bau der Wissen⸗ schaft geführt werden, vor die größten einheitlichen Tradi⸗ tionen geführt worden, die es überhaupt in der ganzen Welt gibt. Denn die Wissenschaft ist ein Bau, an dem ist ständig fortge baut worden, in verschiedenem Tempo, aber eigentlich hat die Sache nie still gestanden. Ein Stein hat sich zum andern gefügt. Das war schon ein großes Gebäude, 0 hier noch Wotan verehrt wurde. Das war ein großes Cebäude 3—400 Jahre vor unserer Seitrechnung. Immer dasselbe Gebäude, das eine, einzige, große Gebäude. welche Dynastie, welche Menschenverrichtung kann sich irgendwie an Alter, an Formenreichtum des Kufbaues ver⸗ gleichen mit diesem einen Ding? Denn sie ist eine Einheit, die Wissenschaft. Und wir wissen, daß jeder, der es ehrlich und ernst mit der Aufgabe, Wissenschaft zu treiben, nimmt, deshalb die doppelte Erfahrung machen muß. Die Er⸗ fahrung, die ich zuerst geschildert habe, daß es ihm grün und sehwarz vor den KHugen wird, und daß er tastend seinen Weg erst suchen muß. Andererseits aber die Er⸗ fahrung, daß hier alles von Dauer geschaffen worden ist. Daß er erst zu lernen hat, was gearbeitet ist und nur an einer Spitze, wenn einem Gott die Freude beschert, schließ⸗ lich auch selbftändig einzugreifen, mitzuarbeiten vermag an der Wissenschaft, an unserem zweiten Ceben im logos über dem Leben. In diesem Sinne wünsche ich im Namen der befreundeten Universitäten der Ludoviciana Heil und Gottes Segen und ich bin gewiß, das, was sie alles schon geleistet hat, die sicherste Bürgschaft ist, daß sie auch den neuen Aufgaben, die den Universitäten bevorstehen, es sind so viel, daß nicht die Finger reichen, sie aufzuzählen, gewachsen ist. Denken Sie an die sogenannten University⸗Extension, die Bildungsstufen, die bisher nur indirekt mit der Universität etwas zu tun gehabt und von ihren Früchten sich genährt haben, sie wollen mehr haben. Denken Sie
an die Kurse, an die Lehrer, die nach vier Jahren wieder neues lernen wollen. Aber die Universität, die sich in die Wissenschaft, in den großen Bau fest eingefügt hat, sie wird auch diesen neuen Aufgaben entsprechen. Doran die Ludo⸗ viciana, die niemals hinten marschiert!
Ihm schloß sich an Seine Exzellenz der Wirkliche Ge⸗ heimrat Professor Dr. Schmidt. 5
Er bringt der LCudoviciang die Grüße der Jencken⸗ bergischen Stiftung in Frankfurt a. M. Die Familie Senckenberg, im 17. Jahrhundert aus dem Osten Deutsch⸗ lands in unsere Gegend eingewandert, hat mehrere Gene⸗ rationen hindurch enge Beziehungen zur Gießener Universität gehabt. Der Gründer der Senckenbergischen Stiftung in Frankfurt, hat diese Beziehungen erneut dadurch, daß er für den Fall des Aussterbens seiner Familie die Dekane der juristischen oder medizinischen Fakultät zu Revisoren ernannte. Seit 65 Jahren üben die Dekane diese Revisions⸗ pflicht treulich aus. Der Redner vergleicht weiter das Auf⸗ blühen der Universität und der Senckenbergischen Stiftung im letzten Jahrzehnt und hofft auf Fortbestand der freund⸗ schaftlichen Beziehungen zwischen beiden.
In seiner gemeinsamen Dankrede verglich der Rektor die Tätigkeit der Akademien dem Großbetrieb, die der Universität der Einzelwirtschaft. Die Universität faßt die mannigfaltigen Tätigkeiten der Einzelnen zur Einheit zusammen, in der jeder Teil den andern ergänzt, die Akademien einen das einzelne Gleichartige, um es zu verstärkter Wirkung zu bringen. An der Geschichte der Berliner Akademie zeigt der Redner so⸗ dann, wie sich diese älteste Akademie von manchen ihr nach französischem Vorbild gestellten Aufgaben befreit hat. In unsern Tagen hat sie sich mit glücklichem Eifer in den Dienst des besonderen deutschen Wesens gestellt und auf diesem Gebiet erhofft der Redner von den Akademien noch Großes in der Zukunft. Die Liebe zu unserer Sprache, zu unserem Volkstum ist auch für die, die im Seichen reiner Wissen⸗ schaft sich zusammenfinden, doch schließlich das stärkste, das dauerndste Band.
Für die Hochschule für Jozial⸗ und Handelswissenschaften 1 1 a. M. sprach der Rektor Herr Professor Dr.
ohle.
Er hob hervor, daß bei der Begründung dieser jüngsten Hochschule vor sechs Jahren der damalige Rektor der Gießener Universität gleichsam Pate gestanden habe. Die Gießener Universität hat seit lange nicht nur die Wissenschaft gepflegt, die die feinste Blüte unserer Kultur darstellt, sondern zugleich auch diejenigen, die das Fundament unserer wirtschaftlichen Kultur bilden. Sie zeigt deutlicher vielleicht als andere, daß von der Tätigkeit der Universitäten Brücken zum praktischen Leben hinüberführen.
Als eine neue Welt in unserem Bildungsleben, die mit den älteren Hochschulen überraschend schnell Fühlung genommen, begrüßt der Rektor in seiner Dankrede die Handelshochschulen. Wenn auch die Universitäts⸗ lehrer den praktischen Aufgaben des handels meist ziemlich fremd gegenüberstehen, so tritt ihnen doch seine allgemeine Bedeutung in der eigenen Forschung eindringlich entgegen die alten Handelsstraßen sind zugleich die alten Kulturstraßen. Kus dieser Er⸗ kenntnis heraus hat man den Handelshochschulen ihren idealen Unterbau gegeben, der sie ganz dicht an die alten Hoch⸗ schulen rückt. der Kaufmann, der hinauszieht, den eigenen Vorteil zu wahren, er ist bewußt oder unbewußt ein Pionier der deutschen Kultur. Als Mithelfer an den großen nationalen flufgaben heißt die Universität die Handels⸗ hochschulen herzlich willkommen. 5
Die nun solgende Ansprache des Oberbürgermeisters Utecum für die Stadt Gießen geben wir wegen des beson⸗ deren Interesses für unsere Mitbürger samt der kintwort des Rektors im Wortlaut. Herr Mecum sagte:
Vlłeoeönigliche Hoheiten! Hochansehnliche Festversammlung! welche Gefühle in diesen Tagen die Stadt Gießen und
die Herzen ihrer Bewohner beleben, davon reden besser, hals ich es vermöchte, das Tannengrün und die Fahnen in


